Interview Lisa Pohl, beste Freundin des Bodugards Maik Thomer

„Das Risiko wird über Vorbereitungen, Zeitpläne und Verhaltenskataloge minimiert.“

Von Mo – 24. Juni 2020 – 15:00 Uhr

In unserer großen Serie „Der Bodyguard“ konnten wir Ihnen, liebe Leser, schon einen tieferen Einblick in das sehr vielfältige und spannende Thema gewähren. Heute möchten wir den Fokus auf die Personen richten, die diesen Job tagtäglich mit Leib und Seele ausüben.

An dieser Stelle sollte eigentlich ein Interview mit Maik Thomer stattfinden. Dieser wurde jedoch kurzfristig zu einem Einsatz gerufen. Dafür steht uns die bezaubernde Lisa Pohl, seine beste Freundin, gern Rede und Antwort.



Liebe Frau Pohl herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben und so kurzfristig Zeit für ein Interview haben. Als beste Freundin von Herrn Thomer sind Sie ja ganz nah an seinem Beruf als Personenschützer dran.
Können Sie für unsere Leser kurz beschreiben, was für ein Mensch Maik Thomer ist?

Wir sind uns vor ein paar Jahren zum ersten Mal bei Freunden über den Weg gelaufen. Da hatte ich schon viel über den Typen gehört, der öfter mal in Schlägereien verwickelt gewesen ist. Deswegen hatte ich mich auf einen aufgeblasenen Egomanen eingestellt, den ich nicht wirklich kennenlernen wollte. Dann kam Maik durch die Tür. Smart, freundlich und der wohl ehrlichste Mensch, dem ich je begegnet bin. Er hat so gar nichts von einem Schläger, dafür ist er durch und durch Beschützer. Es würde ihm nie einfallen, einfach wegzusehen, wenn jemand in Not gerät, egal ob er die Person kennt oder nicht. Seine Auftraggeber können sich glücklich schätzen, ihn zu haben, weil er immer alles gibt, um jegliches Übel von anderen fernzuhalten.

Wie geht es Ihnen damit, dass sich Ihr bester Freund täglich in eine mögliche Lebensgefahr begibt?

Ich würde gern behaupten, ich würde mir keine Sorgen mache, weil Maik weiß, was er tut, aber tatsächlich macht es mich manchmal wahnsinnig, zu wissen, dass er im Zweifelsfall der Einzige ist, der zwischen Angreifern und den Schutzbefohlenen steht. Mit ihm eng befreundet zu sein, bedeutet auch, manchmal so große Angst aushalten zu müssen, dass er sich anschließend Nackenschläge einfangen muss. Und gleichzeitig bin ich irre stolz auf ihn.

Es ist nicht zu übersehen, wie viel Ihnen an Herrn Thomer liegt. Wie haben Sie sich beide kennengelernt?

Wie gesagt, das ist bei Freunden gewesen. Ich denke, sie haben uns beide eingeladen, weil sie dachten, wir würden gut zusammenpassen. Wir sind zwischen zehn Pärchen die einzigen Singles gewesen, die rein zufällig ständig nebeneinandersitzen mussten. Damit die Bemühungen der anderen, uns Gemeinsamkeiten als Themenvorschläge zu liefern, endeten, unterhielten wir uns miteinander. Wir hatten wirklich absolut nichts gemeinsam. Tolle Kindheit, schwere Kindheit. Solider Job, wechselnde Jobs. In seiner Freizeit trieb er extrem viel Sport, ich bekam schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Wort Sport nur hörte. Irgendwann sprach ich ihn dann auf die Schlägereien an, von denen ich gehört hatte, und Maik sagte mir, dass er ständig von Menschen umgeben sei, die sich nicht selbst wehren könnten, und dann übernähme er das eben für sie. Er bot mir an, mir ein paar Selbstverteidigungstechniken beizubringen, und so sind wir dann Freunde geworden. Beste Freunde. Etwas anderes stand nie zur Debatte.

Es ist doch ein Unterschied, ob er einen Idioten davon abhält, jemandem wehzutun, oder ob er Leute verteidigt, denen andere gezielt etwas antun würden

Wie haben Sie reagiert, als Herr Thomer Ihnen eröffnete, dass er sein Geld als Personenschützer verdient?

Ich bin zwiegespalten gewesen. Einerseits wollte er wenigstens Geld mit dem verdienen, was er tatsächlich am besten kann, andererseits geriet er dadurch in Kreise, die gute Gründe für einen Bodyguard hatten. Es ist doch ein Unterschied, ob er einen Idioten davon abhält, jemandem wehzutun, oder ob er Leute verteidigt, denen andere gezielt etwas antun würden. Um ehrlich zu sein, hatte ich die Hoffnung, dass er während der Ausbildung hinschmeißen würde, aber der Personenschutz ist genau sein Ding.

Können Sie unseren Lesern kurz schildern, was Herrn Thomer dazu bewogen hatte Personenschützer zu werden?

Sie meinen, warum er nicht als Kampfsportlehrer weitergemacht hat? Na, weil es ihm nicht genug gewesen ist. Er hat diese Vision von einer eigenen Kampfsportschule, die Talente fördert, Kids Chancen bietet – so wie er damals davon profitiert hat – in der Werte und Traditionen vermittelt werden. Als Bodyguard verdient er wesentlich mehr, was ihn diesem Ziel näherbringt.

Also übt Herr Thomer diesen Job gerne aus oder dient er ihm nur als Zwischenstation für ein höheres, persönlicheres Ziel?

Sowohl als auch. Er ist definitiv mit Leib und Seele im Einsatz, aber er lebt nicht für diesen Job. Ich denke, ihm ist permanent bewusst, dass er sich durch die Arbeit in Kreisen bewegt, in denen er der ständige Außenseiter bleibt. Wenn er nicht so gut in seinem Job wäre, würden ihn solche Leute nicht mal in ihre Nähe lassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich besonders wohl zwischen den Reichen fühlt. Je schneller er das Geld für sein Vorhaben zusammen hat, desto besser für ihn.

Ein Pazifist zu sein, bedeutet nicht, sich und seine Mitmenschen nicht mit allen Mitteln zu verteidigen

Wie wir bei unserer Recherche über Herrn Thomer herausgefunden haben, ist er ein bekennender Pazifist. Wie passt diese Lebenseinstellung Ihrer Meinung nach mit seinem Beruf überein?

Maik mag faire Kämpfe, weswegen er Waffen grundsätzlich ablehnt. Was nicht bedeutet, dass er damit nicht umgehen kann. Er würde niemals eine Schlägerei anfangen. Wenn er handgreiflich wird, dann immer, weil ein anderer zuerst die Fäuste eingesetzt hat. Er sagt, ein Pazifist zu sein, bedeutet nicht, sich und seine Mitmenschen nicht mit allen Mitteln zu verteidigen, wenn es notwendig ist.

Denken Sie, dass er dies genauso bewertet und so empfindet wie Sie?

Eher andersherum. Ich habe durch ihn viel über diese Dinge gelernt und einen anderen Blick auf solche Vorkommnisse bekommen. Früher ist es mir extrem unangenehm gewesen, wenn ich mitansehen musste, wie er sich prügelt. In vielen Situationen hätte ich die Belästigung oder ähnliches einfach hingenommen, den Schreck überwunden und versucht, es zu vergessen. Aber Maik zieht Grenzen. Er lässt nicht zu, dass Opfer sich hinterher fragen müssen, ob sie schuld daran gewesen sind, zum Opfer gemacht worden zu sein. Er geht wie eine Urgewalt dazwischen und sorgt dafür, dass Täter das Weite suchen.

Er hat sich damit arrangiert, dass Partnerschaften die Arbeitszeiten nicht aushalten

So ein verantwortungsvoller Beruf, wie der des Personenschützers, ist mit Sicherheit auch eine enorme Belastung für den privaten Bereich des Lebens. Was denken Sie, wie sehr belasteten Herrn Thomer die unregelmäßigen Arbeitszeiten und die beschränkteren Freiheiten innerhalb der eigenen Freizeit?

Manchmal glaube ich, dass es mich mehr belastet als ihn. Sein Leben mutet im Grunde wie eine Warteschleife an, in der kein Platz für Kontinuität ist. Er hat sich damit arrangiert, dass Partnerschaften die Arbeitszeiten nicht aushalten, aber so richtig glücklich wirkt er damit auch nicht. Wenn Sie mal einen Blick in seine Wohnung werfen, sehen Sie, dass es ihm guttäte, mal ein warmes und schönes Zuhause zu haben. Seine Bude ist nur ein Ort, wo er sein Zeug aufbewahrt, zwischendurch mal schlafen oder duschen kann, bevor er wieder loszieht. Mein Freund Jonas und ich sind die engste Familie, die er hat, und irgendwie auch sein Heimathafen.

Personenschützer zu sein bedeutet ja auch, dass der Bodyguard ein hohes Maß an Selbstdisziplin besitzen muss in Bezug auf Sport und gesunder Ernährung. Wie motiviert sich Herr Thomer das täglich durchzuziehen?

Er lebt schon so lange für seinen Sport, ich glaube, es wäre schwieriger, ihn von dieser Disziplin abzubringen. Dieser Mann wird zum reinsten Nervenbündel, wenn er sich nicht bewegen kann. Für mich als Sportmuffel ist das unbegreiflich.

Wie geht es Ihnen, wenn Herr Thomer einen neuen Auftrag annimmt?

Das kommt immer auf den alten Auftrag an. Manche Jobs sind so ruhig, bei denen wünschte ich, er würde sie ewig behalten, andere sind richtig gefährlich. Er weiß das nicht, aber ich google immer die neuen Auftraggeber, um eine Vorstellung davon zu haben, wie hoch das Risiko ist. Aber darüber rede ich nur mit Jonas, weil Maik nicht leiden kann, wenn ich das tu. Was wäre ich für eine Wahlschwester, wenn ich auf meinen großen Bruder nicht etwas aufpassen würde? Ich mag an seinem Job nichts ändern können, aber je besser ich mich mit den Risiken auseinandergesetzt habe, desto gefasster kann ich ihn unterstützen, sollte er verletzt werden. Was ja schon vorgekommen ist.

Wie wir aus gut unterrichteten Quellen erfahren haben, arbeitet Herr Thomer nun für die Familie van Holland. Kein leichter und angenehmer Arbeitgeber, wie wir hörten. Wie stehen Sie dazu, dass er diesen Job angenommen hat?

Na ja, bislang ist er ja nur als Springer eingesetzt. Über die Familie weiß ich, dass sie viel Ärger mit Umweltschützern haben, was bei der Produktion von Pestiziden und Munition irgendwie naheliegt. Ich hoffe, dass es so bleibt, und Maik weiterhin eher für Botengänge und der Sicherung des Grundstücks eingesetzt wird. Auf jeden Fall ist die Familie extrem reich, da wird er sich bestimmt nicht sonderlich wohlfühlen.


© Foto: Monique Meier

Zum Schluss möchten wir gern noch ein bisschen allgemein über den Beruf des Personenschützers reden.
Könnte Ihrer Meinung nach jeder ein guter Bodyguard werden, wenn er ausreichend ausgebildet wird? Oder denken Sie, dass ganz besondere Charaktereigenschaften dafür notwendig sind?

Man kann sicherlich jeden, der die nötigen Grundvoraussetzungen (wie beispielsweise gute Fitness und Beobachtungsgabe) mit sich bringt, zum Personenschützer ausbilden, aber ich glaube nicht, dass jeder geeignet ist. Zumindest nicht in der Liga, in der Maik unterwegs ist. Ein selbstbewusstes, präsentes Auftreten ist ebenso wichtig, wie eine gewisse Empathie, um Situationen richtig einzuschätzen. Man muss die Fähigkeit besitzen, Ruhe zu bewahren, um blitzschnell die richtigen Entscheidungen zu treffen und zu handeln. Und ich glaube auch, dass nicht jeder dazu geschaffen ist, unter Einsatz seines Lebens einen anderen Menschen zu schützen. Mich würde schon stören, grundsätzlich jeder Person alles zuzutrauen, egal wie grausam oder brutal es auch sein mag. Maik redet nicht oft darüber, aber das Bild, dass er von anderen inzwischen hat, lässt sich nicht mehr hinter einer Maske verstecken. Was ich damit sagen will: Man muss wahrscheinlich damit klarkommen, hässliche, menschliche Seiten zu sehen, mit Gewalt konfrontiert zu werden und ggf. damit zu leben, etwas nicht verhindert zu haben oder selbst versehrt worden zu sein. Ich könnte das nicht.

Innerhalb der Redaktion haben wir natürlich auch darüber diskutiert, ob die Ausübung des Jobs als Personenschützers eine extrem gefährliche Angelegenheit oder doch eher ein größtenteils kalkulierbares Risiko ist. Wie sehen Sie das?

Das hängt vom Job ab. Bei Personen, die mehr Schutz benötigen, ist alles eine Frage der Planung. Das Risiko wird über Vorbereitungen, Zeitpläne und Verhaltenskataloge minimiert. Jemand, der mit Angriffen rechnen muss, wird ein höheres Aufgebot an Personenschützer haben als ein Popsternchen, das hauptsächlich vor übergriffigen Fans geschützt werden muss. Maik sagt, dass seine Arbeit hauptsächlich aus Rumstehen und Warten besteht. Aber der eine Politiker, den er beschützt hat, wurde mehrfach angegriffen und sie wurden mit dem Wagen von der Straße gedrängt. Ich kann das Ganze nur aus der emotional gefärbten Brille der besten Freundin betrachten und empfinde jedes Risiko als zu groß.

Menschen machen Fehler, können über sich hinauswachsen

Denken Sie, dass es Vorurteile oder gar Klischees gegenüber Personenschützern gibt?

Dem Klischee nach, sind sie wertungsfreie, verschwiegene Kampfmaschinen, die altruistisch für ihre Klienten leben und jedem an der Nasenspitze ansehen können, ob er Dreck am Stecken hat. Richtig? Ich denke, egal über welchen Job wir reden, es sollte nie außer Acht gelassen werden, dass alles von Menschen ausgeführt wird. Und Menschen machen Fehler, können über sich hinauswachsen, oftmals sind sie froh, zur richtigen Zeit richtig gehandelt zu haben. Was am Ende wohl immer entscheidend ist: Je besser vorbereitet/ausgebildet und talentiert jemand ist, desto besser wird er seinen Job ausüben.

Was würden Sie interessierten Menschen mit auf den Weg geben, die ebenfalls Personenschützer werden möchten?

Setzt euch mit diesem Beruf intensiv auseinander. Fragt euch, wie gut ihr Wartezeiten aushalten und wie konzentriert ihr dabeibleiben könnt, um aufmerksam alles im Blick zu halten. Wie gut könnt ihr mit Stress umgehen? Wie behaltet ihr im Chaos die Übersicht? Und seit ihr durchsetzungsfähig? Kommt ihr mit Autoritäten klar? Dieser Job ist sicher zum Großteil nicht so aufregend wie man es im Fernsehen vermittelt bekommt, aber definitiv wichtig, weil man euch dafür bezahlt, jemanden zu schützen – das wird seine Gründe haben. Ich kann nur als Außenstehende beurteilen, was ich so von Maik mitbekomme, besser ihr redet im Ernstfall mit Menschen, die Personenschützer sind, bevor ihr euch dafür entscheidet.

Herzlichen Dank, liebe Frau Pohl, für das sehr interessante Interview mit Ihnen und das Sie uns einen Blick auf die Person Maik Thomer und den Beruf des Personenschützerz haben werfen lassen.

Wir wünschen Ihnen und natürlich Ihrem besten Freund für die Zukunft alles Gute.


© Cover: ZERO, Werbeagentur München



Lisa Pohl ist eine Nebenfigur in dem Buch „Der Bodyguard“ von Sonja Rüther.
Das Buch ist überall im Handel erhältlich.
Falls ihr euch unsicher seid, dann könnt ihr gerne meine Meinung zu dem Buch lesen.
Wenn ihr Lust habt und noch mehr über die Autorin und ihre Werke erfahren wollt, dann besucht gerne Sonja Rüther auf ihrer Website.