Beim Thema Jack the Ripper komme ich kaum an Büchern vorbei, die auf diese schrecklichen Ereignisse eingehen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass mich dieses Werk gereizt hat, zumal der berühmte Arthur Conan Doyle selbst auf der Suche nach dem berüchtigten Mörder ist.

In meiner Rezension „Doktor Doyle jagt Jack the Ripper“ von Bradley Harper erfahrt ihr, ob sich das Leseerlebnis für mich gelohnt hat.


Doktor Doyle jagt Jack the Ripper von Bradley Harper
© Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Infos zum Buch
erschienen bei Dryas Verlag
Veröffentlicht 7. Oktober 2024
Originaltitel A Knife in the Fog
Übersetzt von Dorothee Schröder
ca. 322 Seiten
Band 1 der Reihe Ein viktorianischer Krimi mit Margret Harkness
erhältlich als Taschenbuch, Hörbuch und EBook
 

Klappentext

September 1888. Der 29-jährige Arthur Conan Doyle erhält von der Metropolitan Police das Angebot, sie einen Monat lang als „Berater“ bei der Jagd nach dem Serienmörder zu unterstützen, der bald unter dem Namen Jack the Ripper bekannt werden wird. Doyle akzeptiert unter der Bedingung, dass sein ehemaliger Dozent für Chirurgie, Professor Joseph Bell – Doyles Inspiration für Sherlock Holmes – mit ihm zusammenarbeitet. Zu den beiden gesellt sich Miss Margaret Harkness, eine im East End lebende Schriftstellerin, die mit einer Pistole umzugehen weiß und die beiden als Führerin und Begleiterin unterstützt.

© Klappentext: Dryas Verlag

Der Aufbau von Doktor Doyle jagt Jack the Ripper ist gut gemacht. Die Rahmenhandlung, die 1924 spielt, wirkt melancholisch und reflektiert die Erlebnisse von 1888. Sie umschließt die Rückblende und verbindet die Zeitebenen, auch wenn sie für mich eher wie ein Mittel wirkt, um im Verlauf künstlich Spannung zu erzeugen.

Erzählt wird diese Geschichte aus der Erinnerung des Dr. Doyles. Dadurch sind die Erzählungen und Schilderungen durch seine Sicht gefärbt. Arthur Conan Doyles Bericht über die ereignisreichen Tage 1888 beginnt dort, als ihm ein besonderes Angebot unterbreitet wird. Aufmerksam wurde ein einflussreicher Mann auf Doyle aufgrund seines ersten veröffentlichten Romans über den Detektiv Sherlock Holmes. Nun hofft der Auftraggeber, dass Doyle ebenso wie seine Romanfigur über ein deduktives Ermittlungsgespür verfügt und mit zur Aufklärung der schändlichen Taten der „Lederschürze“ beitragen kann. Doyle sieht sich dazu jedoch nicht in der Lage und wendet sich hilfesuchend an seinen Mentor Joseph Bell, der ihm als Vorlage für Sherlock Holmes diente. Um sich im Londoner East End zurechtzufinden, schlägt der Gönner Doyle als Führerin Margret Harkness vor. Sie ist Journalistin und recherchiert undercover in Whitechapel. Damit ist das Ermittlertrio komplett.

Gemeinsam versuchen sie anhand der bisherigen drei Morde Hinweise auf den Mörder abzuleiten. Dazu führen sie Befragungen im East End durch, besuchen die Leichenschauhalle, besichtigen die Tatorte und schauen sich die gesammelten Beweismittel an.
Der Schreibstil ist historisch angelehnt, sodass er zwar elegant, aber leicht altmodisch angehaucht ist. Er ist modern genug, um flüssig lesbar zu sein. Für meinen Geschmack ist mir der Schreibstil aber zu nüchtern und sachlich.
Bradly Harper ist sehr darauf bedacht, möglichst viele historisch korrekte Details in die Handlung einfließen zu lassen. So beschreibt er beispielsweise in sachlich medizinischer Sprache die Obduktionsszenen. Das finde ich prinzipiell gelungen, doch die Atmosphäre erreicht mich nicht. Ich kann mir die Schauplätze vorstellen, aber ich kann sie nicht fühlen. Mir fehlt die bedrohliche, dichte Londoner Stimmung, die mich wirklich in die Gassen von Whitechapel zieht. Besonders in der Nacht des Doppelmordes hätte die Atmosphäre intensiver sein können, ohne voyeuristisch zu werden. Die Mordszenen sind insgesamt zurückhaltend beschrieben, was ich grundsätzlich gut finde, doch gerade hier bleibt die Bedrohung erstaunlich blass und entfaltet kaum Wirkung.

Doktor Doyle jagt Jack the Ripper arbeitet mit mehreren Spannungsebenen. Die Ermittlungsarbeit zeigt gut, welche Rivalitäten zwischen den Polizeibehörden herrschten und wie sich die politische Lage zuspitzte. Sehr gelungen finde ich die Darstellung der gesellschaftlichen Spannung. Das East End wird nicht beschönigt. Es schwingt ein deutlich sozialkritischer Unterton mit und es wird klar, dass damals nicht nur eine große Überbevölkerung herrschte, sondern auch bittere Armut und ein zunehmend spürbarer Antisemitismus gegenüber der jüdischen Bevölkerung im East End. Die Morde des Unbekannten an den Frauen schürten zudem die Sorge, dass die ohnehin angespannte Lage in Unruhen umschlagen könnte. Auch die Gewalt gegen Frauen wird ernst behandelt, ohne die Taten auszuschlachten.

Dr. Conan Doyle ist als sympathischer und reflektierter Mann angelegt. Er schwankt viel zwischen Pflichtgefühl und Selbstzweifel, was ihn menschlich macht, zugleich wirkt er oft unsicher und von der Situation überfordert. Seine Beziehung zu Miss Harkness wird subtil angedeutet. Das ist manchmal niedlich, aber hat für mich keinen emotionalen Mehrwert. Von allen Charakteren durchläuft er die größte Entwicklung.
Ich finde die Idee ganz interessant, dass die historische Persönlichkeit Arthur Conan Doyle in einen holmesähnlichen Fall hineingezogen wird. Auch mag ich, dass viele Figuren tatsächlich historisch belegt sind, sodass der Kriminalroman einen sehr authentischen Anstrich erhält.
Professor Joseph Bell überzeugt mit seinem analytisch scharfen Verstand. Er verkörpert die Deduktion par excellence und seine Professionalität wertet den Kriminalroman auf.
Miss Margret Harkness ist eine moderne und unabhängige Frau. Sie steht für soziale Gerechtigkeit und hilft dabei, mehr Verständnis für die Menschen im East End zu fördern.
Die Nebenfiguren sind ähnlich gut angelegt. Sie verleihen der Geschichte mehr Tiefe. Dabei sticht Inspector Abberline hervor. Obwohl er chronisch erschöpft und zynisch wirkt, ist er kompetent. Ich finde die Darstellung seiner historischen Persönlichkeit glaubwürdig, da er auch die Realität der damaligen Polizeiarbeit gut verkörpert.

Doktor Doyle jagt Jack the Ripper ist zwar ein fiktionaler Kriminalroman, der auf realen Ereignissen fußt, doch trotz der sehr guten Recherche und der genauen Abbildung der viktorianischen Zeit berührt mich die Geschichte nicht. Für mich liest sich der Roman eher wie ein Sachbuch, das in erzählerische Form gegossen wurde. Das ist prinzipiell nicht schlecht, aber mir fehlt das Mitfiebern. Überraschungen sind spärlich gesät, und wer in Wahrheit der Ripper ist, lässt sich früh erahnen. Ein Verdacht bestätigt sich schnell, auch weil es kaum Alternativen gibt.


Doktor Doyle jagt Jack the Ripper von Bradley Harper
© Foto: Monique Meier

Kurz gesagt:

Was dich erwartet:

Ein ruhig erzählter, detailverliebter Kriminalroman, der im viktorianischen London spielt und die Jagd nach Jack the Ripper mit historischer Genauigkeit und fiktionalen Elementen verbindet.

Lesen:

Wenn ihr historische Romane mögt, die ein gut recherchiertes Setting bieten und ihr eine sachlichere, faktenorientierte Ermittlungsarbeit spannend findet, könnte euch dieses Buch gefallen.

Weglegen:

Wenn ihr lebendige Figuren, echte Spannung, überraschende Wendungen oder düstere Ripper Vibes erwartet, wird euch dieser Roman vermutlich nicht abholen.

Mal ehrlich:

Doktor Doyle jagt Jack the Ripper ist ein viktorianischer Kriminalroman, der sich wie ein akribisch rekonstruiertes Zeitzeugnis liest. Das mag besonders am ich‑Erzähler Dr. Conan Doyle liegen, der mich durch die verhängnisvollen Ereignisse des Jahres 1888 führt. Das viktorianische London wird zum Leben erweckt und der Übergang zwischen Fiktion und historischer Realität ist fließend. Die überfüllten Gassen des East Ends mit der dort herrschenden Armut und den sozialen Spannungen werden detailreich beschrieben. Das erzeugt ein eindrückliches Bild der damaligen Zeit, nur leider berührt es mich nicht so, wie ich es mir erhofft hätte.
Mit den historischen Figuren werde ich nicht warm. Doyle wirkt höflich und durch seine Unsicherheiten auch menschlich, bleibt für mich aber eher ein neutraler Erzähler. Auch Dr. Bell, Margret Harkness und Inspector Abberline sind realistisch gezeichnet, aber nicht greifbar. Es ist fast so, als würde ich kurze sachliche Biographien über sie lesen.
Der Krimi ist ruhig erzählt, die Spannung steigt nur leicht. Der Schreibstil ist elegant und ein wenig altmodisch, aber gut zu lesen. Die Beschreibungen sind stark und die Detailgenauigkeit beeindruckend. Insgesamt wirkt der Roman auf mich wie ein Werk, das sich eng an die historische Wirklichkeit anlehnt und mit kriminalistischen Stilmitteln erzählt wird. Das finde ich prinzipiell gut, doch mir fehlen Figuren, die mich mitreißen und zum Mitfiebern animieren. Die Ripper‑Morde werden nicht voyeuristisch ausgeschlachtet, was ich begrüße, aber dadurch geht auch Atmosphäre verloren, weil das nebulöse Erzählen nicht genug erzählerische Kraft entfaltet, um mich wirklich zu fesseln. Die Enthüllung des fiktionalen Jack the Ripper ist am Ende leider ebenfalls keine Überraschung für mich.

Fazit:

Ein hervorragend recherchierter historischer Roman, der das viktorianische Setting lebendig werden lässt, aber mich emotional nicht abholen kann.

*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*

Lesetipp:

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