Bei skandinavischen Thrillern bin ich immer ein bisschen vorsichtig. Oft liegt mir der Erzählstil nicht und ich empfinde sie langatmig und bisweilen langweilig. Aber als ich die Buchvorstellung zu Home Before Dark gesehen habe, da konnte ich nicht widerstehen.
In meiner Rezension „Home Before Dark“ von Eva Björg Ægisdóttir wird sich zeigen, ob ich nicht besser Abstand gehalten hätte.
Leseexemplar
❧ Meine Meinung ist davon unbeeinflusst

© Covergestaltung: zero-media.net, München
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
Veröffentlicht 7. Mai 2026
Originaltitel Heim fyrir myrkur
Übersetzt von Freyja Melsted
ca. 416 Seiten
erhältlich als Paperback, Hörbuch und EBook
Klappentext
November 1967: Die vierzehnjährige Marsibil hat einen heimlichen Brieffreund, der sich mit ihr treffen will. Sie verabredet sich mit ihm, ist aber nervös, denn sie hat sich als ihre ältere Schwester Stina ausgegeben, und am verabredeten Abend schafft sie es nicht zu dem Treffen. Dafür verschwindet ihre Schwester spurlos. Nur ihre blutbefleckte Anorakjacke wird an dem Ort gefunden, an dem Marsi sich mit ihrem Brieffreund verabredet hatte.
Zehn Jahre später bleibt Stinas Verschwinden weiterhin ungelöst. Marsi hat bisher aus Scham geschwiegen. Da erhält sie einen Brief – von ihrem ehemaligen Brieffreund. Jetzt muss sie die Wahrheit ans Licht bringen, auch wenn sie sich dabei nicht auf ihre eigenen Erinnerungen verlassen kann. Denn der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß.
© Klappentext: Kiepenheuer & Witsch
Home Before Dark macht es mir nicht leicht, in die Geschichte reinzukommen. Der Prolog weckt sofort viele Fragen in mir und seine Kürze überrascht mich.
Im ersten Kapitel lerne ich Marsibil kennen. Es ist Mitte November 1977, und die Ich-Erzählerin ist am Ende ihrer Kräfte. Schon von Anfang an wirkt sie überspannt und neben der Spur. Sie leidet unter Schlaflosigkeit und ist so erschöpft, dass ich kaum eine Verbindung zu ihr aufbauen kann.
Gleichzeitig bekomme ich viele Details und Personen auf einmal, sodass ich hin- und hergerissen bin zwischen „es passiert unglaublich viel“ und „gleichzeitig passiert nichts“. Der Anfang fühlt sich für mich schwer und erdrückend an, und ich mache mir Sorgen, dass ich mit Home Before Dark vielleicht nicht warm werde.
Mein Lichtblick ist der Handlungsstrang mit Kristín, genannt Stina, Marsibils älterer Schwester. Er beginnt im Herbst 1966 und erdet mich. Vielleicht finde ich ihn auch deshalb so interessant, weil ich bereits weiß, dass Stina 1967 spurlos verschwindet und nicht wieder auftaucht. Dieses Rätsel möchte ich unbedingt ergründen.
Home Before Dark legt seinen Fokus stark auf die Wahrnehmungen der Ich‑Erzählerinnen und verbindet ihre Innenwelt mit ihrer subjektiv gefärbten Realität. Das sorgt für einen dichten Erzählstil mit klar erkennbarem Stimmprofil. Marsibil ist dabei die unzuverlässigste Erzählerin. Sie ist fraglos die komplexeste, aber auch die psychologisch fragilste Figur. Ihre Schuldgefühle rund um Stinas Verschwinden, kombiniert mit Schlafentzug und aufkeimender Paranoia erzeugen eine unheilvolle Grundstimmung. Immer wieder habe ich das Gefühl, dass sich Gefahr anbahnt.
Stinas Handlungsstrang ist dagegen heller und lebensfroher. Das liegt auch an ihr selbst, denn sie wirkt charismatisch. Kein Wunder, dass Marsibil am liebsten so sein möchte wie ihre Schwester.
Die Spannung steigt langsam an. Viele kleine Geheimnisse ziehen sich durch Home Before Dark. Sie wecken meine Neugier und ziehen mich immer weiter hinein. Ganz unmerklich beginnt sich die Geschichte in mir festzusetzen, leise und beständig, bis ich merke, dass sie mich nicht mehr loslässt. Was ist damals wirklich passiert? Hat Marsibils mysteriöser Brieffreund Bergur etwas mit Stinas Verschwinden zu tun? Wer könnte der Täter sein? Und sind nicht irgendwie alle im Dorf ein wenig fragwürdig?
Ich versinke immer tiefer in diesen Strudel aus angedeuteten Halluzinationen, verschwiegenen Wahrheiten und einer Dorfgemeinschaft, die sich nach außen offen und freundlich gibt, bei der aber jeder verdächtig erscheint. Jede Seite führt mich weiter in die psychischen Abgründe und zeigt am Ende eine Tragik, die mich erschüttert.
Die beiden Handlungsstränge entwickeln sich parallel und wechseln sich oft kapitelweise ab. Anfangs wirken sie wie zwei unabhängige Geschichten, doch sobald sich die Fäden verweben, packt mich die Begeisterung. Mein anfängliches Gefühl verfliegt und ich bin gefangen in meinen Spekulationen. Die Spannung zieht an, Wendungen überschlagen sich und meine Theorien lösen sich auf. Das Ende macht mich sprachlos. Ich habe nicht erwartet, was sich hier entwickelt, und bin beeindruckt, wie all die kleinen Details zu einem so fesselnden Psychothriller zusammenkommen. Dabei bleibt Home Before Dark stets ruhig erzählt. Trotzdem ist die Eindringlichkeit stets spürbar und lässt die Spannung bis zum Schluss nicht absinken.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Eine düstere, psychologisch aufgeladene Geschichte über zwei Schwestern, deren Wahrnehmungen, Geheimnisse und Ängste sich langsam zu einem bedrückenden Gesamtbild verweben.
Lesen:
Wenn ihr psychologische Spannung mögt, die sich langsam aufbaut und euch mit unzuverlässigen Wahrnehmungen, düsteren Atmosphären und vielen kleinen Geheimnissen immer weiter hineinzieht.
Weglegen:
Wenn ihr eine klare und einfache Erzählweise möchtet, eine schnelle Auflösung erwartet oder Schwierigkeiten mit Figuren habt, deren innere Zerrissenheit und Wahrnehmungen die Geschichte prägen, dann ist dieses Buch wahrscheinlich nicht das Richtige für euch.
Mal ehrlich:
Am Anfang habe ich wirklich Angst, dass Home Before Dark eine Enttäuschung für mich wird. Der Anfang ist schwerfällig und zieht sich dahin. Die Ich-Erzählerin Marsibil wirkt müde, verwirrt und überreizt, und genauso fühlt sich das Lesen an. Ich komme nicht richtig hinein, finde keinen Halt, und das ständige Schwanken in ihren unzuverlässigen Wahrnehmungen stößt mich ab.
Doch dann passiert etwas, das ich erst gar nicht bemerke. Home Before Dark kriecht mir langsam unter die Haut. Die Atmosphäre wird dichter, die Verdachtsmomente nehmen zu und jeder könnte etwas mit dem Verschwinden von Kristín, genannt Stina, zu tun haben.
Die beiden Zeitebenen faszinieren mich. In der Vergangenheit begleite ich Stina und werde immer tiefer in dunkle Familiengeheimnisse gezogen, während Marsibil 1977 versucht, die Wahrheit mit allen ihr möglichen Mitteln ans Licht zu zerren.
Die Spannung steigt langsam und bedrohlich an. Mit jedem Kapitel wird die Atmosphäre immer düsterer und bedrückender. Die psychologische Tiefe fesselt mich, wirkt dabei jedoch nicht übertrieben. Obwohl ich viele passende Theorien habe, überrascht mich das Ende völlig. Ich kann kaum glauben, was ich lese, und doch überzeugt mich das Ende. Ich hätte sehr gern weitergelesen, denn einige Details hätten mich danach noch interessiert.
Fazit:
Home Before Dark kann mich trotz des schweren Einstiegs immer tiefer in seine psychologische Spannung ziehen. Die Geschichte entfaltet ihre Wirkung leise, aber nachhaltig und wird für mich zu einem intensiven Psychothriller, der sich absolut lohnt.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust auf einen intensiven Thriller, der die finsteren Abgründe der menschlichen Natur gekonnt in Szene setzt?
Dann empfehle ich euch:
NACHT – Die Toten von Jütland von Thomas Bagger
Hallo Mo,
danke für diese herrlich ehrliche Rezension. Ich finde es immer super erfrischend, wenn Blogger offen zugeben, dass der Einstieg in ein Buch zäh war. Umso cooler ist es, dass dich die Geschichte am Ende doch noch so richtig packen und eiskalt erwischen konnte.
Gerade diese „unzuverlässigen Erzählerinnen“, die unter Schlafentzug leiden, machen Psychothriller doch erst so richtig intensiv. Dass das Buch leise unter die Haut kriecht und dich das Ende sprachlos zurückgelassen hat, klingt nach genau der Art von Gänsehaut, die man sich von einem Island-Krimi erhofft.
Nach deinem Fazit wandert das Buch trotz der Warnung zum schweren Start direkt auf meine Wunschliste.
Viele Grüße
Maren
Liebe Maren,
mir ist es immer wichtig meine ehrliche Meinung zu schreiben. Und klar, es ist schon richtig, dass ein unzuverlässiger Erzähler dafür sorgt, dass ein Thriller packen werden kann.
Ich wünsche dir eine spannende Lesezeit, falls das Buch von deiner Wunschliste zu dir nach Hause hüpft.
Liebe Grüße
Mo