Die Reihe „Pirlo“ kenne ich schon seit dem ersten Band. Der Start in die Reihe hatte bei mir ambivalente Gefühle entfacht, doch der zweite Band konnte mich trotz Logikfehler begeistern. Nun ist ein dritter Teil rund um den Rechtsanwalt Pirlo erschienen und ich war neugierig, ob das Buch sich würde noch einmal steigern können.

In meiner Rezension „Pirlo – Gefährlicher Freispruch“ von Ingo Bott werde ich darauf näher eingehen und was mich beim Lesen erwartet hat.


 

Pirlo - Gefährlicher Freispruch von Ingo Bott
© Cover: Johannes Wiebel | puchdesign

Infos zum Buch
erschienen bei FISCHER Scherz
Veröffentlicht 30. August 2023
ca. 496 Seiten
Band 3 der Reihe Pirlo
erhältlich als Taschenbuch und eBook
 

Klappentext

Ein Freispruch erfolgt, wenn es keine Schuld gibt oder sich nichts beweisen lässt. In diesem Unterschied kann ein Menschenleben liegen. Genau deshalb ist er so gefährlich. Der dritte Fall für die beiden Strafverteidiger Sophie Mahler und Dr. Anton Pirlo von Strafverteidiger und Buchautor Prof. Dr. Ingo Bott

Pempelfort brennt. In der Nacht ging ein riesiges Corona-Testzentrum am Düsseldorfer Rheinufer in Flammen auf. Emre Ben Hamid, Sohn einer Clan-Familie, die gerade richtig groß ins Maskengeschäft eingestiegen ist, soll sich auf diese Weise eines Konkurrenten entledigt haben. Doch Emre behauptet ganz was anderes. Dass er denjenigen kennt, der hier gezündelt hat. Und plötzlich weiß Pirlo, warum es besser ist, das Mandat anzunehmen und noch besser, einen Freispruch für Emre herauszuholen.

© Klappentext: FISCHER Scherz

„Pirlo – Gefährlicher Freispruch“ passt visuell hervorragend zu den anderen beiden Bänden. Das Cover reiht sich stimmig ein und zumindest äußerlich mag ich das Buch.
Theoretisch lässt sich „Pirlo – Gefährlicher Freispruch“ unabhängig von ersten beiden Teilen lesen, ich würde es aber dennoch empfehlen, von vorne zu beginnen. Das hat im Besonderen etwas mit der Charakterentwicklung der Hauptfiguren zu tun, denn um die ganzen Zusammenhänge und auch deren emotionale Verfassung zu verstehen, ist es sinnvoll, bei „Pirlo – Gegen alle Regeln“ zu starten.

„Pirlo – Gefährlicher Freispruch“ beginnt längere Zeit nach den Ereignissen von „Pirlo – Falsche Zeugen“. Ich treffe auf einen Pirlo, welcher mit einem Bein in einer handfesten Depression steht. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, die Geschehnisse, welche sich in „Pirlo – Falsche Zeugen“ zu getragen haben, zeichnen ihn. Seine Kanzlei steuert auf den wirtschaftlichen Ruin zu, den um jeden Preis seine Kollegin Sophie Mahler verhindern möchte.
Ich finde es gut, dass Ingo Bott so realistisch wie möglich bleiben möchte und Pirlo leiden lässt. Immerhin hat ihn der letzte Fall tief getroffen und so etwas benötigt Zeit, um verarbeitet zu werden. Aber Herr Bott verliert sich schnell in Pirlos Gemütszustand und seziert ihn bis ins kleinste Detail. Das erzeugt Längen, von denen es ohnehin genug gibt.

„Pirlo – Gefährlicher Freispruch“ ist nach den fünf Phasen einer Straftat gegliedert. Dazwischen bestückt mit betitelten Kapiteln, welche die einzelnen Schritte zur Feststellung einer Strafbarkeit mit Inhalt füllen sollten. Obwohl ich mir wünsche, dass der Fokus ganz klar auf dem neuesten Fall für Pirlo liegt, ist dem nicht so. Im Spotlight stehen zwischenmenschliche und private Themen. Hier greift Ingo Bott wieder auf sein geliebtes Schema F zurück und zaubert eine Verstrickung aus dem Hut, die ich jetzt nun schon zum dritten Mal in „Pirlo“ lese. Das macht das Ganze leider unglaubwürdig und auch lahm.

Der Schreibstil ist im Plauderton gehalten. Durch das Umgangssprachliche ist der Inhalt leicht verständlich. Wie gewohnt schleicht sich auch gern ironische Bissigkeit darunter, was gelegentliche Schmunzler auf meiner Seite zulässt.
Der personale Erzähler schwenkt zwischen den Befindlichkeiten der einzelnen Charaktere hin und her, beleuchtet aber am Rande auch die Ereignisse der voranschreitenden Handlung. Und genau das ist der Knackpunkt. Eigentlich sollte das Ganze hier ein Justizkrimi werden. Davon spüre ich leider nicht viel. Eher wird über das persönliche Leben von Pirlo und Sophie lang und breit schwadroniert, Handlungsfäden eröffnet, die den eigentlichen Fall keinen Millimeter voranbringen. Dazwischen werden politische und gesellschaftliche Themen rund um Corona und den Millionenbetrug mit dem Schutz durch Masken und Tests eingewoben. Aufpoliert wird das alles mit ellenlangen Monologen, Phrasen dreschen und Nebensächlichkeiten. Dadurch verkümmert die Story, die Spannung ist nicht messbar und ich habe große Schwierigkeiten mich auf den Inhalt zu konzentrieren.

Zugegeben, das Konzept von „Pirlo – Gefährlicher Freispruch“ gefällt mir gar nicht. Der Fall wird unglaublich zäh und lang gestreckt aufgebaut, erst zum Ende kommt so richtig Dampf und Druck rein, als Pirlo endlich vor Gericht zeigt, was in ihm steckt. Mir kommt das einfach zu spät, daher kann mich auch der klitzekleine Plottwist nicht wirklich begeistern. Ja, diese Wendung habe ich nicht erwartet, reißt aber letztendlich für mich den Karren auch nicht mehr aus dem Dreck.
Besonders schade finde ich, dass auch die Charaktere keine nennenswerte weitere Entwicklung mehr durchgemacht haben. Stattdessen dümpeln sie vor sich hin und irgendwie ist die Spritzig- und Lebendigkeit der anderen Bücher abhandengekommen. Zudem wirkt der gerichtliche Showdown im Gegensatz zum Rest der Erzählung so extrem zusammengerafft, dass ich mir doch etwas mehr Details wünschen würde. Das Ende selbst hätte ich in der Form auch nicht gebraucht und verstehe es ehrlich gesagt auch nicht, in welche Richtung sich das entwickeln soll. Für mich heißt es an dieser Stelle: Tschüss Pirlo, ob ich die Reihe weiterverfolgen werde, steht in den Sternen, die Tendenz geht aber eher zum nein.

Pirlo - Gefährlicher Freispruch von Ingo Bott
© Foto: Monique Meier

Kurz gesagt:

Was dich erwartet:

Ein juristisch angelegter Kriminalroman, der sich das Thema dubiose Testzentren, Soforthilfen und ominösen Maskendeals zu Coronazeiten auf die Fahne geschrieben hat, sich aber eigentlich in persönlichen Dramen ergießt.

Lesen:

Als eingefleischter Pirlo-Fan sicherlich ein Muss.

Weglegen:

Empfehle ich an dieser Stelle. Wer einen spannenden Justizkrimi sucht, wird diesen hier meiner Meinung nach nicht finden. Aber wie immer gilt, überzeugt euch selbst und testet gern die Leseprobe vor der finalen Entscheidung.

Mal ehrlich:

„(…) ich hoffe sehr, das Lesen hat Dir² so viel Spaß gemacht wie mir das Schreiben“, beginnt der Einleitungssatz von Herrn Bott auf Seite 483 zum Thema „Grundzüge des Strafprozessrechts“. Und ich sitze da und schüttele vehement den Kopf. Nein, mir hat das Lesen leider nur sehr wenig Freude bereitet. Stattdessen habe ich mich wirklich hart durchs Buch kämpfen müssen.
Woran lag das? Die Plotidee an sich fand ich gut. Im Mittelpunkt der Skandal, den wir schon aus den Medien kennen, als klar wurde, dass zur Coronazeit mächtig der Staat ausgenommen wurde. Sei es mit zweifelhaften Testzentren, fragwürdigen Maskendeals oder Finanzierungshilfen, die kein Mensch vernünftig auf Anspruch geprüft hat. Mittendrin das bekannte anwaltliche Gespann von Sophie Mahler und Anton Pirlo. So weit, so gut.
Der Schreibstil wie gewohnt einfach und teilweise frech, verliert sich gern in Schachtelsätzen, ellenlangen Monologen, dessen Inhalt sich öfter wiederholt und dadurch die Spannung stets auf ein Minimum rasiert.
Hinzukommen intensive Beleuchtungen der emotionalen (In-) Stabilität der beiden Hauptcharaktere, was auf Dauer einfach ermüdend ist. Der Fall selbst rutscht ständig in die Versenkung. Irgendwie gehts kaum voran. Gelegentlich blitzt mal der Biss der anderen beiden Bände durch, ein kleiner Funken von Spannung entzündet sich und verglüht recht schnell wieder.
Einzig das Finale gestaltet sich tatsächlich interessant und spannungsvoll. Ist aber im Vergleich zum Rest einfach viel zu kurz und kann leider meinen Gesamteindruck vom Buch nicht mehr revidieren.

Fazit:

Ingo Bott liebt offensichtlich das Schema F und auch lange schwammige Monologe. Ich nicht. Mir fehlt es an Spannung, packenden Wendungen und guter Unterhaltung. Das servierte Phrasen dreschen und der Fokus auf Nebensächlichkeiten nimmt mir den Spaß am Buch. Für mich das schwächste Buch der Reihe.

*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*

Lesetipp:

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