Am dritten Oktober feiern wir nun schon seit vielen Jahren den Tag der Deutschen Einheit. 1990 war dies ein sehr denkwürdiger Tag und ein Lichtblick für die Zukunft eines geeinten Deutschlands. Doch welche dramatischen Ereignisse sich überhaupt erst abspielen mussten, damit Deutschland in seiner Gesamtheit wieder wahrgenommen werden kann, verblassen mit dem Alter der Menschen. Dafür lernen die jüngeren und die zukünftigen Generationen alle wichtigen Eckdaten im Geschichtsunterricht. Aber auch außerhalb von Klassenzimmern können wir in eine bewegte Vergangenheit abtauchen, wenn wir den Blick auf einzelne Individuen der damaligen Zeit richten. „Irmas Enkel“ von Leandra Moor gewährt einen solchen Blick in die Vergangenheit.

In meiner Buchvorstellung „Irmas Enkel“ von Leandra Moor möchte ich euch diesen authentischen Roman näherbringen

Buchvorstellung Irmas Enkel: Eine Geschichte, die von Heimat, Liebe und deren Verlust erzählt von Leandra Moor
© Cover: 2019 Leandra Moor

Infos zum Buch
erschienen im tredition Verlag
Veröffentlicht am 19. August 2019
ca. 488 Seiten
erhältlich als Taschenbuch, gebundenes Buch und eBook

Klappentext

Als Anni 1946 zum zweiten Mal vor den Traualtar tritt, schließt sie mit ihrem Leben ab. Die vergangenen Jahre haben ihr die Familie geraubt, das Hoffen hat sie verlernt. Ihr einziger Anker ist das Versprechen einer Wahrsagerin, was sie zwingt, diesen Kerl aus dem Nachbardorf zu ertragen. Egal zu welchem Preis. Auf der Suche nach Lücken in ihrer Familienbiografie trug die Autorin berührende Lebensepisoden zusammen. Der Kern jeder Geschichte war das Dilemma des Schweigens und dessen Weitergabe an die nächste Generation. Die Geschichte von Irmas Enkeln versinnbildlicht das Empfinden jener Zeit. Hätten sie sich den Gegebenheiten der Jahrzehnte, in die sie hineingeboren wurden, entziehen können? © Klappentext: 2019 Leandra Moor

Blick auf das Buch

In der Schule war mein Lieblingsfach immer Geschichte gewesen. Auch heute noch begeistert mich ein Blick in die Vergangenheit sehr, vor allem immer dann, wenn es sich um wahre Begebenheiten handelt. Als mir die Autorin Leandra Moor eine E-Mail schrieb, in der sie mich auf ihr aktuelles Buch neugierig machen wollte, war ich ganz angetan von den Beschreibungen über den Inhalt.
In ihrem Roman verarbeitet die Autorin autobiographische Schicksale aus ihrer eigenen Familie. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die mit unterschiedlichen Herausforderungen ihrer Zeit zu kämpfen hatten. Dabei werden Themen wie Kriegskinder, Flucht und auch das Drama der Vertreibung sowie staatliche Bevormundung behandelt und über die Generationen miteinander verknüpft.
Klingt spannend, oder? Das Buch selber habe ich noch nicht gelesen, aber es interessiert mich schon sehr. Auch meine Familiengeschichte war bewegt und meine Großeltern waren noch die Generation Kriegskinder. Und die Teilung Deutschlands haben sie ebenfalls mit allen Auswirkungen zu spüren bekommen.
Um euch das Buch und seine Autorin noch ein Stück näherzubringen, stand mir freundlicherweise Leandra Moor in einem kleinen Interview Rede und Antwort.

Leandra Moor im Interview über ihre Recherche zu ihrer Familiengeschichte und wie das Buch zum Dialog einlädt

Liebe Leandra,
in deinem Buch „Irmas Enkel“ erzählst du von autobiographischen Frauenschicksalen aus deiner eigenen Familie. Wann war für dich klar, dass du sie recherchieren und auch interessierten Lesern zur Verfügung stellen möchtest?

Bereits als Kind habe ich gespürt, dass meine Oma eine sehr traurige Frau war, obwohl sie nie geklagt oder über etwas gesprochen hat, was ihre Traurigkeit erklärt hätte. Damals war ich zu klein, um sie nach ihrem Leben zu fragen. Als ich acht Jahre alt war, verstarb sie und somit auch die Möglichkeit, Antworten zu bekommen. Es ist so, dass jemand, der keine Gespräche mehr führen kann, eigene Wege für die Beantwortung seiner Fragen sucht. Ich habe mich intensiv mit der Zeit, in der meine Oma lebte, beschäftigt und im Gespräch mit vielen Menschen erfahren, dass selbst die, deren Großeltern noch am Leben sind, kaum Antworten bekommen. Wir sind die Enkelgeneration, deren Entwicklung von jenem Schweigen geprägt wurde, was auch für das Sein unsere Eltern – die Kinder dieser verschwiegenen Großeltern – verantwortlich war.

So eine Recherche bedeutet ja auch viel Arbeit. Mein Opa hat das auch mal gemacht und hatte mit einigen Hürden zu kämpfen. Wie bist du vorgegangen und wo gab es die meiste Unterstützung für dich?
Am Tag, an dem ich mich entschlossen habe, „Irmas Enkel“ zu veröffentlichen, habe ich nachgezählt – insgesamt siebzehn Jahre haben mich diese Recherchen begleitet. Die einzige Hürde, die ich dabei empfunden habe, war, dass ich manchmal zwei bis drei Jahren warten musste, bis ich einen Brief mit neuen Hinweisen in den Händen hielt. Ich habe viele Archive durchstöbert und bin immer wieder in die Region gefahren, in der meine Familie gelebt hat. Dort habe ich die Luft meiner Großeltern geatmet und bin an Gartenzäunen stehen geblieben, über die ich mit Einheimischen gesprochen habe. Manche kannten meine Großeltern noch und so schenkten sie mir Puzzleteile, die mir beim Verstehen halfen. Die Geschichten, die mir allgemein von den vergangenen Zeiten geschenkt worden, inspirierten mich immer mehr zum Schreiben von „Irmas Enkel“.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die eigene Familiengeschichte bei der Recherche schon mehr Emotionen in einem selbst auslöst als fremde Schicksale. Wie bist du damit umgegangen?
Es stimmt, diese Recherche hat sehr viel mit mir gemacht. Sie hat mich oft zum Weinen gebracht, hat manchmal Wut ausgelöst und mich oft zweifeln lassen. Heute, nachdem ich alles in mir (und einem dicken Hefter) geordnet habe, weiß ich, dass sie das größte Geschenk gewesen ist, was ich mir selber zum Verstehen meiner Wurzeln – nicht nur den persönlichen, auch den gesellschaftlichen – machen konnte.

Welches ist deine Lieblingsstelle im Buch? Kannst und magst du sie vielleicht verraten?
Oh je, dass ist eine schwierige Frage. Ich habe „Irmas Enkel“ mit so viel Herzblut geschrieben und jeden Satz gefühlte hundert Mal gedreht und gewendet – da gibt es nicht eine bestimmte Stelle, die für mich besonders ist. Ich brenne für den ganzen Text. Doch was ich verraten kann ist, dass mich das Ende bei jeder Überarbeitung immer wieder zum Weinen gebracht hat.

Nehmen wir an, dass du im Buchladen auf einen unentschlossenen Leser treffen würdest. Wie würdest du dein Buch dem Interessierten näherbringen?
Ich würde ihn fragen, ob auch er Fragen an die Generationen seiner Familie hat, die bisher unbeantwortet geblieben sind und ihm davon erzählen, dass ich mit großer Freude beobachte, wie sehr „Irmas Enkel“ zum Dialog einlädt.

Würde es Leser geben, denen du von deinem Buch abraten würdest?
Ich glaube, dass sich jeder Leser, der sich für die biografische Aufarbeitung unserer jüngeren Geschichte interessiert, auf eine spannende Lesezeit freuen kann.

Besteht die Möglichkeit, ein signiertes Exemplar von dir zu bekommen? Wenn ja, wie?
Vielleicht treffen wir uns mal auf einer Lesung von „Irmas Enkel“.

Mehr über Leandra Moor und ihr Werk erfahrt ihr hier:

Autorenseite des Verlages

*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*

Leandra Moor
© Bild: Leandra Moor

Ich hoffe, dass euch meine Buchvorstellung gefallen hat. Vielleicht konnte ich ja euer Interesse für dieses Buch wecken.
Wie ist das bei euch? Gibt es Fragen, die ihr gerne mal euren Großeltern gestellt und beantwortet bekommen hättet?

Teilt mir gern eure Meinung in den Kommentaren mit.

Liebe Grüße,
Mo