Quickinfo:
Titel des Buches:
Nachtspiel                                   
Autor des Buches:
Catherine Shepherd
Veröffentlicht am: 
Dienstag, 24. Oktober 2017
Seitenzahl: 348
Genre:
Thriller
Ein- oder Mehrteiler: Band 2 der Julia Schwarz – Reihe
Cover:



Klappentext:

Er spielt gerne, vor allem in der Nacht. Lauf weg, denn sein Spiel endet tödlich!

Rechtsmedizinerin Julia Schwarz beherrscht ihren Job wie kaum jemand sonst. Mit dem Tod kann sie umgehen, nicht aber mit den Albträumen, die ihr in letzter Zeit den Schlaf rauben. Hartnäckig konzentriert sie sich daher auf die Jagd nach einem Frauenmörder, der sein Opfer grausam gefoltert und dann achtlos in den Kofferraum eines Kleinwagens gestopft hat. Obwohl sich der ermittelte Täter das Leben nimmt, landet eine weitere Leiche auf Julias Obduktionstisch. Kriminalkommissar Florian Kessler geht von einem neuen Fall aus, doch für Julia sprechen die Spuren eine andere Sprache. Als sie endlich die Handschrift des Mörders entziffert, muss sie erkennen, dass sie längst selbst in der Falle sitzt und dem Spiel eines unberechenbaren Serienkillers ausgeliefert ist …

Catherine Shepherds neuer Thriller enthüllt die Schrecken der Nacht. Ignorieren Sie niemals Ihre Träume. Es könnte Ihnen das Leben retten!


Über die Autorin:
Unter dem Pseudonym Catherine Shepherd begann die Autorin im Jahr 2012 ihre Bücher zu veröffentlichen. Bekannt wurde sie aber durch die “Zons-Krimis”, die einen ganz besonderen Erzählstil haben. Das Besondere daran ist, dass sie selber in dem Städchen Zons am Rhein mit ihrer Familie lebt. Catherine Shepherd hat auch einen eigenen Verlag gegründet. Dies ist der Kafel-Verlag, für nähere Informationen über den Verlag besucht gern die Homepage. Als Autorin hat sie sich etabliert, diverse Berichte in überregionalen Zeitschriften und beim Fernsehsender ZDF sind schon über sie erschienen.
Es lohnt sich auf jeden Fall auch der Besuch ihrer Homepage und ihres Facebook – Accounts. Denn da gibt es auch regelmäßig, neben spannenden Hintergrundinformationen und Neuigkeiten, tolle Gewinnspiele.

Zum Buch:
Auf die Bücher von Catherine Shepherd bin ich durch Zufall gekommen. Auf der Suche nach neuem Lesestoff bin ich damals über den ersten Teil der Zons – Reihe, Der Puzzlemörder von Zons, gestolpert. Das Buch hatte mich so in seinen Bann gezogen, dass ich seitdem alle ihre Bücher verschlungen haben. Definitiv eine meiner Lieblingsautorinnen.
Wenn euch meine Meinung zum Thriller “Nachtspiel” interessiert, dann dürft ihr sehr gerne meine Rezension dazu lesen. Nachtspiel kann unabhängig vom ersten Band, Mooresschwärze, gelesen werden. Dennoch ist es nicht vom Nachteil, wenn der erste Band bekannt ist:


Mooresschwärze

Leseprobe (mit freundlicher Genehmigung von Catherine Shepherd):

PROLOG

Wiederkehrende
Träume besitzen etwas Rätselhaftes. Oft wollen sie uns Dinge mitteilen, die wir
tagsüber verdrängen, an die wir uns keinesfalls erinnern möchten. Doch das
menschliche Gehirn lässt sich nicht einfach abschalten. Wir beherrschen unseren
Verstand, solange wir wach sind, aber sobald wir schlafen, sind wir unseren
Albträumen schutzlos ausgeliefert. Wer sollte darüber besser Bescheid wissen
als Julia Schwarz? Sie träumte seit Jahren immer wieder diesen einen Traum, von
dem sie genau wusste, dass er nicht real war. Trotzdem zog er sie jedes Mal
tiefer in einen Strudel aus Emotionen hinein, denen auch ihr Verstand als
Rechtsmedizinerin nichts entgegenzusetzen hatte. Genauso erging es ihr in
dieser Nacht. Julia wälzte sich unruhig in ihrem Bett und kämpfte gegen die
furchtbaren Bilder an. Doch ihr Unterbewusstsein katapultierte sie unerbittlich
zurück in die Vergangenheit, zurück in jene Nacht in Michaels Zimmer. »Bist du
noch wach?« Leise öffnete sie die Tür und schlich sich hinein. Ihre nackten
Zehen gruben sich in den flauschigen Teppich. Sie liebte dieses Gefühl und ahnte
nicht, dass sie es das letzte Mal verspürte. Nie wieder würde sie barfuß und
mit einem Lächeln auf den Lippen in diesem Zimmer stehen. »Was machst du da?«,
fragte sie ihren kleinen Bruder und zog ihm mit einem Ruck die Bettdecke weg.
»Lass das«, fauchte er und sprang auf. Ein Heft fiel zu Boden und Julia hob es
neugierig auf. »Du lernst noch?« Sie wunderte sich. Seit wann interessierte
sich ihr Bruder mehr als nötig für die Schule? Ihr Blick flog über ein paar
Mathematikaufgaben. »Gib das sofort wieder her!« Michaels Gesicht schimmerte
hochrot im Schein der Nachttischlampe. Zornig funkelte er Julia an. »Schon
gut«, murmelte sie beschwichtigend und gab ihm das Heft zurück. »Ich hatte heute
Ärger in der Schule und habe vergessen, für die Klausur morgen zu lernen«,
erklärte Michael und legte sich wieder hin. Julia runzelte die Stirn und
kletterte zu ihrem Bruder ins Bett. »Soll ich dich abfragen?« Sie zog die warme
Decke über den Körper ihres Bruders. Der Zwölfjährige war relativ groß und
kräftig. Trotzdem kuschelte er sich an sie wie ein kleiner Junge. »Okay«,
murmelte Michael dankbar und sank tief in sein Kissen, die Bettdecke bis zum
Kinn hochgezogen. Julia drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Alles wirkte so
realistisch, als ob es tatsächlich in diesem Moment passieren würde. Doch
zugleich wusste sie, dass sie nur träumte. Einen Traum, der ihr heilig war.
Denn er verkörperte die letzten Stunden mit ihrem Bruder. Die letzte Nacht, die
sie mit ihm zusammen verbracht hatte. Unruhig drehte sie sich auf der Matratze.
Nun begann der unangenehme Teil. Jener, den sie am liebsten auslöschen oder
wenigstens überspringen wollte. Julia spannte die Muskeln an, versuchte, den
Traum zurückzuspulen, um wieder an die Stelle zu gelangen, an der sie Michael
spüren konnte. Seine warme Haut und das Leben, das in seinen Adern pulsierte. Nur
noch einen Augenblick, flehte sie stumm. Bitte komm zurück zu mir. Doch der
Traum ließ sich nicht steuern. Unbarmherzig schritt er voran wie ein trauriger
Kinofilm auf der großen Leinwand. Die Bilder rissen Julia mit sich und erzeugten
einen unvorstellbaren Schmerz, der sich so echt anfühlte, dass ihr beinahe die
Luft wegblieb. Ihre Lider flatterten. Sie versuchte aufzuwachen, wollte diesem
Albtraum einfach nur entkommen. Doch sie war gefangen in der düsteren Vision.
Sie sah die Männer der Kriminalpolizei und die Tränen ihrer Mutter. Hörte den
verzweifelten Schrei ihres Vaters und ihr eigenes Herz, das erst aufhörte zu
schlagen und dann nur noch hohl pochte. Ein Organ, das sie am Leben erhielt,
obwohl sie eigentlich innerlich tot war. Genauso wie Michael, den sie für immer
verloren hatte. Sie irrte durch die verstörenden Bilder, die unaufhörlich auf
sie einströmten und die sie nicht ausblenden konnte. Fünfzehn Jahre war es her,
dass ihr kleiner Bruder missbraucht und ermordet worden war, von einem Täter,
der bis heute frei herumlief. Noch immer hatte Julia mit Michaels Tod nicht
abgeschlossen. Sie war längst eine erwachsene Frau, stand mitten im Leben und
hatte eigentlich alles unter Kontrolle. Nur ihre Träume nicht. Julias Lider
zuckten wild, trotzdem schaffte sie es nicht, aufzuwachen. Sie sah den weißen
Kindersarg, der in die Erde gelassen wurde. Wie in Trance schwebte sie über den
Friedhof, einen Ort, der ihr früher völlig fremd gewesen war. Sie spürte den
Tod. Seine kalten, langen Finger, die nach ihr griffen und ihr Herz in einen
Brocken aus scharfkantigem Eis verwandelten. Den Tod, der von jenem Tag an ihr ständiger
Begleiter wurde. Sie konnte einfach nicht akzeptieren, dass es nichts gab,
womit sich der Täter überführen ließ. Es handelte sich schließlich nicht um ein
Phantom, sondern um einen Menschen, der das getan hatte, und Menschen
hinterließen Spuren. Michaels Tod gab letztendlich den Ausschlag für Julias
Berufswahl. Heute war sie Rechtsmedizinerin. Ihr konnte niemand so schnell
etwas vormachen. Sie war gut in ihrem Job, sogar sehr gut. Kaum ein Detail
entging ihren Augen und ihrem scharfen Verstand. Doch in der Nacht, wenn sie
von Michael träumte, entglitten ihr die Fäden. Dann war sie nicht mehr als ein
sechzehnjähriges hilfloses und völlig verzweifeltes Mädchen. Endlich sprang der
Traum in den nächsten Abschnitt. Was jetzt kam, war surreal. Ein Ausdruck ihrer
Ängste, die sich mithilfe von Visionen Gehör verschafften. Das Geschehen mündete
jedes Mal in dieselbe Sequenz. Sie beruhigte sich ein wenig. Ihr
Unterbewusstsein kannte den Ablauf. Gleich endete der Traum. Anschließend würde
sie die letzten Stunden bis zum Morgen in völliger Leere verbringen. Aber
zunächst hielt der Albtraum noch weitere Schrecken für sie bereit. Julia sah
sich selbst, wie sie in ihrem Bett lag. Dann stand sie auf, um hinüber in
Michaels leeres Zimmer zu gehen. Sie war verstört und in tiefer Trauer. Weinend
legte sie sich in Michaels Bett und schlief ein. Bis dahin verlief der Traum
ruhig, doch plötzlich hörte sie ein Geräusch. Ein Klappern direkt vor dem
Fenster. Julia schlug die Augen auf. Ein kalter Luftzug strömte herein und
kroch unter die Bettdecke. Das Fenster stand offen. Sie fröstelte. Der Mond
schien hell. Eine dunkle Silhouette hob sich im Fensterrahmen ab, der Umriss
eines Mannes. Obwohl sie seine Augen nicht sah, wusste sie, dass er sie finster
anstarrte. Julia war unfähig, sich zu rühren. Sie schloss die Lider in der
Hoffnung, dass der Mann einfach verschwinden würde. Doch das tat er nicht. Als
sie die Augen ganz langsam wieder öffnete, stand er unverändert da. Stumm lag
sie in Michaels Bett und fragte sich, was er wollte. Noch immer regte er sich
keinen Millimeter. Sein Blick fesselte sie. Dann fiel ihr ein, dass er gar nicht
real sein konnte. Michaels Zimmer lag im Obergeschoss. Wie sollte er hier
heraufgekommen sein? Sie redete sich ein, dass er lediglich ein weiterer
eingebildeter Teil ihres Albtraums war. Eine gruselige Vision vom schwarzen
Mann, der nachts durch die Fenster kletterte, als Schatten an den Häuserwänden
entlangkroch und Schlafende zu Tode erschreckte. Er lebte nur durch ihre Angst,
war nicht mehr als ein Schatten, dem ihre Fantasie Leben einhauchte. Tapfer
schluckte sie und betrachtete den Mann, der sich plötzlich bewegte und durchs
Fenster hereinstieg. Nicht real, nicht real, redete sie sich zu und schlang die
Arme um den Oberkörper. Er blieb neben dem Bett stehen. Sie konnte seinen Atem
hören. Er pfiff durch die Nasenlöcher. Julias Puls flatterte wie ein gejagter
Vogel. Sie schlug die Augen nieder und wartete auf den Tod. Sie spürte die
körperliche Präsenz des Unbekannten. Er lauerte auf den richtigen Augenblick.
Julia schloss mit ihrem Leben ab. Doch der Tod kam nicht. Julia kniff die Augen
fest zusammen. Die Arme über der Brust gekreuzt, krallten sich ihre Fingernägel
tief in ihre Oberarme. Dann, nach einer schieren Ewigkeit, sagte der Mann
etwas. Seine tiefe Stimme kratzte an ihrem Ohr: »Vergiss mich ganz schnell
wieder oder ich werde dich holen.« Sie schlug die Augen auf. Der Mann war weg.

Kapitel 1

Kim Wiesinger
hielt die Waffe fest in der Hand, beide Arme nach vorn gestreckt. Ihre
Bewegungen liefen völlig automatisch ab. Sie hatte es Tausende Male trainiert.
Ihre Muskeln spannten sich an. Schweißperlen rannen ihr über die Stirn. Die
Hitze hatte nichts mit den Außentemperaturen zu tun, die bereits herbstlich
waren. Ihre Ausrüstung, insbesondere die dicke kugelsichere Schutzweste,
brachte Kim zum Schwitzen. Natürlich trug auch die Anspannung dazu bei. Der
Einsatz dauerte schon einige Stunden an. Sie befanden sich vor der dritten
Wohnung, die an diesem Tag durchsucht wurde. Niemand wusste, ob der Gesuchte
anwesend und womöglich bewaffnet war. Der Fall war eine große Nummer. Wenn sie
Glück hatten, dann setzten sie heute einen der größten Drogenbosse in Bonn
fest. Doch noch fehlten die Beweise, jedenfalls solche, die den Mann auf Jahre
hinter Gitter bringen würden. Kim Wiesinger ermittelte mit ihren Kollegen seit
Monaten. Endlich schlug ihr Team in einer konzentrierten Aktion zu. Die
Wohnungen der wichtigsten Mittelsmänner wurden durchkämmt, sämtliche Unterlagen
und Computer sichergestellt und zur Untersuchung in ein Labor mit ausgewiesenen
Experten gebracht. Kims Blut brodelte erhitzt. Jagdfieber nannten es die
Kollegen und meinten damit das pulsierende Gefühl, das sich wie eine Droge in
den Blutbahnen ausbreitete und die Nerven in Hochspannung versetzte. Sie waren
so dicht dran. Kim konnte spüren, dass sie sich nur noch wenige Schritte vor
der Ziellinie befanden. Sie wollte, dass diese Aktion ein voller Erfolg wurde.
Sie brauchte diesen Volltreffer. Um sich selbst gut zu fühlen, um diesem Mann
endlich das Handwerk zu legen und um diese schlechte Welt ein kleines Stückchen
besser zu machen. Schlechte Welt, das hatte ihr Vater immer gesagt. Sogar auf
dem Totenbett waren es seine letzten Worte: Pass auf dich auf, mein Mädchen.
Das da draußen ist eine schlechte Welt. Dann war er gestorben. Einfach so, mit
gerade einmal vierundfünfzig Jahren und absolut unwürdig für einen Polizisten.
Jedenfalls hatte er selbst es so empfunden. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er
sich einen Kugelhagel ausgesucht. Vielleicht sogar in einer solchen Aktion wie
heute. Das wäre ideal für ihn gewesen. Stattdessen hatte ein bösartiger Tumor
in der Lunge seinem Dasein innerhalb weniger Wochen ein qualvolles Ende
beschert. Einen Abgang mit Schmerzen, Verwirrung und Wut. Ihr Vater war so
wütend auf sein Schicksal gewesen, dass er nicht einmal versucht hatte, mit
einer Chemotherapie dagegen anzukämpfen. Der Tumor hatte sich als nicht
operabel erwiesen, die Chancen für eine Heilung standen denkbar schlecht.
Trotzdem, Kim hätte es an seiner Stelle probiert. Sie hätte nicht einfach
aufgegeben und ihr Leben einem hungrigen Haufen Krebszellen geschenkt, der sich
wie ein Parasit in ihren Organen ausbreitete. Doch ihr Vater hatte das nicht
gewollt. Das lag nicht nur an den schrecklichen Nebenwirkungen, die eine
Chemotherapie mit sich bringen konnte. Er wollte nicht sämtliche Haare
verlieren und als dürres Knochengerippe mit dünner, bleicher Haut enden. Er
wollte aber vor allem keine Hoffnung schüren. Auf Gesundung zu hoffen, hätte ihm
so viel Frustration und Enttäuschung bereitet, dass er es lieber gleich bleiben
ließ. Kim seufzte und schüttelte die Gedanken ab. Sie musste sich
konzentrieren. Schließlich wollte sie nicht im Kugelhagel enden.

Sie umklammerte die Dienstwaffe und nickte einem Kollegen zu. Der brach die Tür
auf und sie stürmten hinein. »Gesichert«, rief der Polizist, der die Tür
eingetreten hatte, und lief durch den Flur ins nächste Zimmer. Kim nahm sich
eine schmale Tür zur Linken vor. Das Bad. Ein kleiner schmutziger Raum, der
nach Fäkalien stank. Und nach etwas anderem. Ihr Magen verwandelte sich
unwillkürlich in einen Felsbrocken. Sie hielt die Luft an. Rechter Hand befand
sich die Toilette. Ein beflecktes Porzellanobjekt ohne Brille. Darüber ein
Spiegelschrank. Geradeaus stand die Badewanne, halb verdeckt von einem
schimmligen Plastikvorhang. Sie bemerkte einen Schatten dahinter und zuckte
zusammen. Mit drei Schritten und dem Finger am Abzug näherte sie sich und riss
mit einem Ruck den Vorhang zur Seite. Der Anblick und der Gestank ließen sie
rückwärts taumeln. Aufgerissene, himmelwärts gerichtete Augen starrten leer und
stumpf ins Nichts. Im ersten Moment war sie nicht sicher, ob sie das Gesicht
eines Mannes oder einer Frau vor sich hatte. Die Haut war vom Wasser
aufgequollen und dunkel angelaufen. Erst als Kims Blick hinunter zur Brust
glitt und die langen, zu einem Zopf zusammengebundenen Haare erfasste, wurde
ihr klar, dass in der Badewanne eine tote Frau lag. »Du liebe Güte«, stieß sie
aus. »Wir brauchen sofort die Spurensicherung.« »Die Wohnung ist gesichert«,
rief ein Kollege, der ihre Worte offenbar nicht gehört hatte, und betrat das
Badezimmer. Als seine Augen die Badewanne und deren Inhalt registrierten,
veränderte sich seine Miene. »Himmel. Was ist das?« Der durchtrainierte
Polizist im Kampfanzug wurde eine Spur blasser. »Eine weibliche Leiche«,
antwortete Kim überflüssigerweise. Ihr Kollege, der Leiter eines
Sonderkommandos, hatte mit Sicherheit schon oft mit dem Tod zu tun gehabt und
brauchte keine Erklärungen. Das Einzige, was ihn offenbar irritierte, war der
Umstand, dass sie eigentlich hinter Beweisen – also Drogen, Geld oder Waffen –
her waren. Leichen hingegen hatten sie nicht erwartet. »Wir brauchen sofort die
Spurensicherung«, wiederholte Kim deshalb. Vielleicht war diese tote Frau der
Sargnagel, der dem gesuchten Drogenboss zum Verhängnis wurde. Wenn er sie
getötet hatte, dann war er fällig. Vorsichtig und bedacht darauf, keine Spuren
zu kontaminieren, zogen sie sich aus dem Bad zurück. Dabei warf Kim einen
letzten Blick auf die Tote. Sie schätzte ihr Alter auf höchstens
fünfunddreißig. Im Bauchnabel des Opfers steckte ein glitzernder Piercingring.
Die Nägel an Händen und Füßen waren in grellem Pink lackiert. Vielleicht handelte
es sich um eine Prostituierte. Darauf ließen zumindest auch die auffällige
Reizwäsche und die kitschig blinkenden High Heels vor der Badewanne schließen.
Auf dem hinteren Badewannenrand stand ein halb volles Champagnerglas. Wären da
nicht die fast schwarzen Würgemale am Hals des Opfers gewesen, hätte man denken
können, die Frau wäre im Suff in der Badewanne ertrunken. »Jörg. Da bist du ja
schon.« Sie begrüßte ihren Kollegen von der Spurensicherung, einen Mann
mittleren Alters mit schütterem Haar und randloser Brille auf der ein wenig zu
lang geratenen, dünnen Nase. »Das Opfer liegt in der Badewanne. Kannst du mir
so schnell wie möglich deine Ergebnisse liefern? Wir müssen wissen, wer die
Tote ist und ob unser Mann vielleicht dahintersteckt. Auf den ersten Blick
sieht es nach Mord aus.« Jörg nickte. »Geht klar. Ich werde mich beeilen. Wie
sieht es mit unserem Essen heute Abend aus? Bist du bis dahin mit der Aktion
durch? Scheint ja was Größeres zu sein.« Er lächelte verlegen. Sein Blick hielt
ihre Augen fest. Das Essen? Richtig. Sie waren heute Abend verabredet. Das
hatte Kim völlig vergessen. Betreten strich sie sich über den Hals. »Na ja. Es
könnte schon länger dauern«, murmelte sie leise. »Wollen wir auf morgen
verschieben?« Jörg klang ein wenig enttäuscht. Kim atmete auf und nickte eilig.
Sie hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht. Außerdem stand ihr heute Nacht
noch etwas anderes bevor. Eine private Angelegenheit, die sich nicht länger
aufschieben ließ. Eine Sache, die seit Jahren in ihr arbeitete und die sie
endlich zu Ende bringen musste. Etwas, worauf ihr Vater stolz gewesen wäre. Ein
Vorhaben, das nichts rückgängig, aber dafür die Welt ein bisschen gerechter
machen könnte. All die vergeblichen Hoffnungen, der Schmerz und der Verlust würden
zwar nicht vergessen, doch zumindest gelindert werden. Das Pulsieren ihres
Blutes verwandelte sich in ein Hämmern. Da war es wieder, das Jagdfieber.
Deshalb war sie so angespannt. Sie hatte eine Rechnung zu begleichen. Heute
Nacht.

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