Hätte ich von allein zum Buch Die flüsternde Muse gegriffen? Wahrscheinlich nicht. Mir ist das Buch im Rahmen einer Buddy-Read-Anfrage vorgeschlagen worden und so habe ich die Gelegenheit ergriffen, mich ins viktorianische Zeitalter entführen zu lassen.

In meiner Rezension „Die flüsternde Muse“ von Laura Purcell beleuchte ich diesen Gothic-Thriller.


 

Die flüsternde Muse: Ein viktorianischer Thriller von Laura Purcell
© Cover: Aymen Klidi

Infos zum Buch
erschienen beim Festa Verlag
Veröffentlicht 27. März 2024
Originaltitel The Wispering Muse
Übersetzt von Eva Brunner
ca. 448 Seiten
erhältlich als Gebundenes Buch und eBook
 

Klappentext

Welche moderne Schriftstellerin beherrscht die Kunst des Unheimlichen so gut wie Laura Purcell?

London, zur Zeit von Queen Victoria. Im Mercury Theater kursieren Gerüchte: Die neue Hauptdarstellerin Lilith Erikson soll mit Melpomene, der Muse der tragischen Dichtung, einen Pakt geschlossen haben. Ihre Zofe Jenny ist skeptisch, denn Lilith ist eine Frau mit einem gestörten Wesen. Auf der Bühne scheint sie von den Figuren, die sie spielt, besessen zu sein, doch abseits der Bühne verläuft ihr Leben so tragisch, als beeinflusse es die Muse, die sie inspiriert. Als eine teuflisch gute Lilith als Lady Macbeth die Zuschauer betört und sich einige unheimliche Vorfälle ereignen, schwinden Jennys Zweifel. Könnten die Gerüchte wahr sein? Sind dämonisch dunkle Mächte am Werk? Und was wird der Preis sein, wenn die Muse ihre Bezahlung einfordert?

Laura Purcells neuer Roman führt uns ein in die Welt des viktorianischen Theaters. Eine fesselnde Geschichte über Besessenheit und Aberglauben. Der perfekte Gothic-Thriller.

© Klappentext: Festa Verlag

Optisch macht das gebundene Buch von Die flüsternde Muse einen unglaublich schönen Eindruck. Alles ist farblich und optisch aufeinander abgestimmt. Besonders edel sieht der Buchschnitt aus. Die Haptik überzeugt mich ebenfalls.
Laura Purcells Schreibstil ist ungewöhnlich und ich muss mich an ihre Art des Erzählens erst einmal gewöhnen. Das Handlungsgeschehen zu Beginn besteht aus vielen Andeutungen und bisweilen seltsamen Verhaltensweisen der Charaktere. Alles scheint recht nebulös zu sein und so erfordert das Lesen eine hohe Konzentration.
Die weibliche Hauptfigur und Ich-Erzählerin Jennifer Wilcox, kurz Jenny, ist mit ihrer Familie in eine missliche Lage geraten. Die genaueren Umstände, die dazu geführt haben, werden nicht sofort offenbart. Dies erzeugt eine unterschwellige Spannung und weckt meine Neugierde.

Die flüsternde Muse entführt mich in die Welt des Theaters im viktorianischen Zeitalter. Ich tauche in die besondere Atmosphäre einer Theatergruppe ein, die durch ihre eigenen Ansichten und ihren festen Aberglauben außerhalb des alltäglichen Lebens zu existieren scheinen.
Der Fokus des Theaters, an dem Jenny arbeitet, liegt auf den klassischen Tragödien und so verwundert es mich auch nicht, dass es in Die flüsternde Muse nur so vor tragischen Charakteren auf und neben der Bühne wimmelt. Laura Purcell spielt hier sehr lebhaft mit den gängigen Theaterstücken wie Macbeth, Romeo und Julia oder Faust. Erster Teil. Sie verknüpft diese Stücke mit dem Ensemble, welche die Stücke auf die Bühne zu bringen gedenkt. Und mitten in diesem Vorhaben flechtet Laura Purcell Jenny und ihre Probleme mit ein.

Die flüsternde Muse verbindet übernatürliche Elemente mit raffinierter Psychologie. Durch Jennys Sicht werde ich in meinen Gefühlen zu den anderen Charakteren beeinflusst und so kommt es vor, dass ich auch meine Meinung über so manche Figur revidieren muss. Bei anderen wiederum bin ich von Anfang an sehr misstrauisch und meine deren wahre Absichten besser durchschauen zu können als die fleißige und kluge Jenny.
Die Sorgen von Jenny sind durchweg nachvollziehbar dargestellt und aufgrund der zahlreichen Unwegsamkeiten, denen sich Jenny stellen muss, wird die Erzählung nie langweilig. Jeder scheint seine eigenen Ziele mit allen Mitteln zu verfolgen und es ist schwer, die wahren Absichten wirklich zu durchschauen.
Generell sind die Charaktere sehr vielschichtig gezeichnet und so manche Person verfällt in eine beunruhigende Obsession, welche ihre eigenen Ambitionen auf ungesunde Weise zu befeuern scheinen.
Zwischen all diesem Geschehen wabert das Gefühl des Übernatürlichen mit, aber so geschickt gemacht, dass es auch natürliche Ursachen haben könnte und damit eine Atmosphäre der ständigen Bedrohung erzeugen.

Das Erzähltempo nimmt schnell Fahrt auf und die Bildsprache ist gewaltig. Sie vermag aber auch extreme Details so auszublenden, dass die eigene Fantasie tätig werden muss. Immer wieder lässt Laura Purcell überraschende Wendungen und Schockmomente einfließen, die alles, was ich zu wissen glaubte, auf den Kopf stellt.
Besonders mag ich in Die flüsternde Muse das Element eines Fluchs. Allein schon das Gerede darüber erzeugt eine schauervolle und geheimnisvolle Atmosphäre und lässt Die flüsternde Muse düster wirken.

In Die flüsternde Muse schwingt auch Gesellschaftskritik mit. Die Moralvorstellungen der damaligen Zeit werden ebenso gut eingefangen wie die gesellschaftlichen und politischen Zwänge. Hier ist die Macht, die Frauen und Männer in dieser Zeit ausübten völlig verschieden und auch die Mittel teilweise sehr begrenzt. Dies macht Die flüsternde Muse zu einem packenden Drama, welches immer wieder in kleinen blutigen Tragödien endet.
Das Ende ist genial gemacht. Es rundet diese mit Ränkespielchen durchzogene Erzählung perfekt ab und hinterlässt bei mir eine Gefühlsmischung aus Tragik und Glück gleichermaßen.

Die flüsternde Muse: Ein viktorianischer Thriller von Laura Purcell
© Foto: Monique Meier

Kurz gesagt:

Was dich erwartet:

Eine spannende und atmosphärische Lektüre, welche mit vielen unerwarteten Wendungen sowie einer Mischung aus übernatürlichen und psychologisch ausgeklügelten Elementen in die Welt des Theaters entführt.

Lesen:

Wenn ihr mit Gothic angehauchte Horrorthriller mögt, die mit psychologischen Tragödien und einem authentischen historischen Setting überzeugen können.

Weglegen:

Wenn ihr eine klare, lineare Erzählweise bevorzugt und empfindlich auf blutige und düstere Themen reagiert.

Mal ehrlich:

Am Anfang strömt eine Mischung aus mysteriöser, geheimnisvoller und nebulöser Atmosphäre auf mich ein. Vieles wird nur grob angedeutet. Um die Zusammenhänge herauszufinden, muss ich weiterlesen.
Der Handlungs- und Charakteraufbau sind sehr komplex und führen zu vielen überraschenden Wendungen. So mancher Aha-Moment hat mich eiskalt erwischt. Das macht Die flüsternde Muse aber auch zu einem Buch, welches ich nicht einfach so weg lesen kann. Hier brauche ich meine volle Konzentration, um mich in dieser doch so temporeichen, aber auch unheilvollen und düsteren Erzählung nicht zu verlieren.
Der Großteil der Handlungen spielt in einem viktorianischen Theater und die Magie, die solch ein Ort hervorbringt, wird perfekt eingefangen. Theaterleute sind ein besonderer Schlag Mensch. Die Realität im Theater wird ausgesperrt und etwas Eigenes entsteht. Das Spiel mit den Illusionen soll perfekt werden, die Figuren aus literarischen Stücken zum Leben erwachen. Und überall da, wo Kunst ist, da muss auch Aberglaube sein. Und schon allein das Gemurmel über einen ganz besonderen Fluch breitet sich wie eine düstere Bedrohung und Vorahnung über die Szenerien aus. Immer wieder wird das Übernatürliche gestreift, es könnte aber auch völlig harmlose Erklärungen geben. Diese Schwebe zwischen Schein und Sein ist perfekt ausgependelt und macht Die flüsternde Muse zu einem Schauerroman, der perfekt die Elemente der Tragödie mit denen der Tradition vereint.

Fazit:

Ein packender viktorianischer Thriller, der immer wieder in tragischen und blutigen Ereignissen gipfelt und eine emotionale Gefühlsmischung beim Lesen erzeugt.

*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*

Lesetipp:

Lust auf einen Klassiker unter den Schauerromanen?
Dann empfehle ich euch:
Frankenstein von Mary Shelley