Sehnsüchtig habe ich dem dritten Band der Reihe „Gruppe 4 ermittelt“ entgegengefiebert. Die ersten beiden Teile empfand ich als grandios und durchweg fesselnd. Besonders das Ende von Aschesommer hatte meine Hoffnung auf eine Fortsetzung lebendig gehalten. Umso größer war meine Freude, als der neue Band endlich erschien. Kaum hielt ich das Buch in den Händen, wollte ich sofort eintauchen und die Geschichte entdecken.
In meiner Rezension „Nebelbeute“ von Benjamin Cors erfahrt ihr, ob der dritte Band die hohe Messlatte der Vorgänger halten konnte.
Leseexemplar
❧ Meine Meinung ist davon unbeeinflusst

© Umschlaggestaltung: wilhelm typo grafisch, Zollikon
erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Veröffentlicht 15. Mai 2026
ca. 384 Seiten
Band 3 der Reihe Gruppe 4 ermittelt
erhältlich als Paperback, Hörbuch und EBook
Klappentext
Mila Weiss ist auf der Jagd. Tief in den Bergen will sie endlich ein Phantom aus ihrer Vergangenheit stellen: Johannes Toblach. Doch am Tag ihrer Ankunft wird eine Leiche in den Bäumen gefunden, gefangen in einem Netz aus Seilen. Und für Mila stellt sich die Frage: Ist sie die Jägerin oder die Gejagte? Stück für Stück kommt sie ihrem Ziel näher – bis sie plötzlich spurlos verschwindet.
Die Gruppe 4, geleitet von Jakob Krogh, macht sich sofort auf die Suche. Sie stoßen auf ein abgelegenes Bergdorf, in dem nur das Schweigen noch dichter ist als der Nebel. Das Team wird in das grausame Spiel eines Serienmörders verstrickt, der sich in den Schatten der Wälder verbirgt. Und ganz offenbar Mila in seiner Gewalt hat …
Ein abgelegenes Dorf. Ein undurchdringlicher Wald. Eine Reise in die Vergangenheit: Der dritte Fall für Mila Weiss und Jakob Krogh!
© Klappentext: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Der Prolog ist verdammt stark, weil er mich ohne jede Vorwarnung mitten in eine Jagd auf Leben und Tod wirft. Keine Namen, keine Erklärungen, nur pure Unsicherheit, die sofort Neugier auslöst und ein extrem spannungsvolles Leseerlebnis von der ersten Seite an schafft. Da ich Krähentage und Aschesommer bereits kenne, ist mir das Ermittlerteam der „Gruppe 4“ mit jedem Band mehr ans Herz gewachsen. Theoretisch lässt sich Nebelbeute zwar ohne Vorkenntnisse lesen, da wichtige Hintergründe kurz erläutert werden, allerdings wurde besonders Milas Mission schon im ersten Teil angelegt und zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Für die volle Charaktertiefe empfehle ich daher dringend, die Reihe chronologisch zu lesen, zumal dieser Band atmosphärisch noch intimer und verzweifelter wirkt als seine Vorgänger.
Titel und Cover passen perfekt zum Inhalt. Die Atmosphäre in dem abgelegenen Bergdorf ist durchweg düster sowie bedrohlich und wird durch das eisige Winterwetter genial verstärkt. Die Natur ist detailreich beschrieben, wirkt im Zusammenspiel mit den Ereignissen aber wie ein tödlicher Treiber, der das ungute Gefühl beim Lesen maximiert. Das Motiv aus Nebel, Jagd und Beute zieht sich unterschwellig durch die Handlung und verstärkt die Kälte des Settings zusätzlich. Auch die Morde sind brutal und grausam inszeniert. Durch kurze Perspektivwechsel zu den Opfern wird das Grauen in der Zeit ihrer Qual spürbar verlängert. Benjamin Cors beschreibt diese Szenen sehr detailliert, blendet aber an den passenden Stellen sanft ab, sodass die eigene Fantasie den Rest übernimmt. Zartbesaitete Lesende könnten hier ihre Probleme haben, mir machen die Szenen jedoch nichts aus.
Das Erzähltempo ist enorm hoch. Benjamin Cors nutzt kurze, präzise Sätze und klug gesetzte Perspektivwechsel, die zahllose kleine Cliffhanger erzeugen. Ich mag das Buch kaum aus der Hand legen. Besonders faszinierend finde ich, dass der Autor mich emotional direkt ins Geschehen zieht. Manchmal wirken die Beschreibungen fast schon poetisch, nur um im nächsten Moment in das schonungslose Grauen eines Opfers oder einer brutalen Szene zu kippen. Die personale Erzählperspektive von Mila, Jakob, den Gejagten, dem Antagonisten und einigen weiteren Figuren aus dem Dorf und dem Ermittlerteam schafft eine tiefe Nähe zu den Charakteren und psychologische Spannung. Da ich oft mehr weiß als die Ermittler, wird die Jagd unglaublich packend. Auch die Weiterentwicklung der „Gruppe 4“ zu beobachten, macht mir Freude. Gleichzeitig agieren Mila und Jakob in diesem Band häufiger allein, weil beide stark von ihren Emotionen und ihren jeweiligen Zielen getrieben sind. Besonders Milas innerer Konflikt berührt mich, weil sie unbedingt ihre persönliche Fehde beenden will und dabei merkt, wie verletzlich sie wird, sobald sie ohne Rückendeckung handelt.
Der Showdown am Schluss ist filmreif und durch die flotten Perspektivwechsel extrem packend. Benjamin Cors legt viele falsche Fährten. Ich bin mir zwar früh sicher, wer der Täter ist, und liege damit auch richtig, allerdings ist die Story komplexer, sodass diese Enthüllung nur einen Teil der Wahrheit bereithält. Den Rest sehe ich erst kommen, als der Autor es will. Die unterschwellige Bedrohung, die sich durch die Handlung zieht, sorgt dabei für eine konstant angespannte Atmosphäre, weil nie klar ist, aus welcher Richtung die Gefahr als Nächstes kommt.
Trotzdem gibt es Punkte, die mich konsequent ärgern. Eine bestimmte Figur dient leider nur als reiner Katalysator, um die Handlung in die richtige Richtung zu lenken. Sie wird immer wieder kurz aus den Untiefen der Geschichte hervorgeholt, ohne dass je erklärt wird, woher sie kommt, wohin sie verschwindet oder was mit ihr passiert. Zwei oder drei Sätze mehr würden ihr einen echten Platz im Ensemble geben. Zudem ist die Auflösung einer Frage, die sich seit dem ersten Band durchzieht, für mich völlig unlogisch und reißt mich kurz aus der ansonsten stimmigen Handlung. Und weil Benjamin Cors sonst so viel Wert auf sorgfältig gesetzte Nebenstränge legt, fallen diese erzählerisch verschenkten Momente besonders auf.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Ein atmosphärischer Thriller mit rasantem Erzähltempo, grausamen Morden, filmreifen Wendungen und psychologischer Spannung, die durch die vielen Perspektivwechsel entsteht.
Lesen:
Wenn ihr Thriller mögt, die euch mit kurzen Kapiteln, düsterer Winterstimmung und ständigen Cliffhangern atemlos durch die Seiten jagen, dann seid ihr hier genau richtig.
Weglegen:
Wenn ihr eine absolut lückenlose Logik bei allen Nebensträngen erwartet und sensibel auf intensiv geschilderte Gewaltmomente reagiert, dann solltet ihr dieses Buch lieber zur Seite legen.
Mal ehrlich:
Kennt ihr das Gefühl, schon beim ersten Auftauchen einer Figur zu wissen: Das ist der Täter. Mir passiert das bei Nebelbeute und obwohl ich mir absolut sicher bin, führt mich Benjamin Cors immer wieder auf neue Fährten, die mich an meiner Theorie zweifeln lassen.
Schon der Prolog gibt einen Vorgeschmack auf das mörderische Tempo, mit dem dieser Thriller erzählt wird. Auch wenn das Buch theoretisch ohne Vorkenntnisse funktioniert, empfehle ich dringend die chronologische Reihenfolge ab Krähentage, da sich Milas persönliche Mission wie ein roter Faden durch die Reihe zieht und in Nebelbeute ihr packendes Finale findet.
Die Dynamik der „Gruppe 4“ um Mila und Jakob ist über die Bände hinweg toll gewachsen und bereitet mir viel Freude. In Nebelbeute geht es sprichwörtlich um die Jagd als Kernthema und ich frage mich zwischendurch, wer hier eigentlich wen jagt und warum. Das eingeschneite Bergdorf mit seinen verhaltenen Bewohnern passt als Setting perfekt dazu. Auch die herrlich beschriebene Natur bietet einen grausam‑schönen Kontrast zu den brutalen Morden. Durch kurze Wechsel in die Opferperspektiven wird das Grauen extrem intensiv, da die Qualen sehr detailliert beschrieben sind. Das ist nichts für ganz schwache Nerven.
Dank kurzer Sätze und ständiger Cliffhanger fliege ich nur so durch die Seiten. Da ich mehr weiß als die Ermittler, entsteht eine unfassbar packende und psychologische Jagd. Dennoch gelingt es mir erst, wenn Benjamin Cors es zulässt, die Verbindungen zu durchschauen. Der Showdown ist absolut filmreif und trotz meiner richtigen Vorahnung bezüglich des Täters erwischt mich der restliche, komplexe Twist eiskalt.
Und dennoch ist Nebelbeute für mich der schwächste Band der Reihe. Eine bestimmte Figur agiert leider nur als reiner Katalysator. Sie taucht immer wieder kurz auf, um die Story anzuschubsen, ohne dass ihre Hintergründe geklärt werden. Zudem wirkt die Auflösung einer Kernfrage seit Band 1 so hanebüchen, dass es für mich einen deutlichen Dämpfer gibt. Beides wäre mit ein paar Sätzen mehr sicher zu vermeiden gewesen.
Nichtsdestotrotz ist Nebelbeute ein super geschriebener Page‑Turner, der mich trotz kleinerer Schwächen hervorragend unterhält.
Fazit:
Nebelbeute ist für mich trotz des hohen Tempos und der vielen fiesen Wendungen der schwächste Band der Reihe. Ein paar erzählerisch verschenkte Momente fallen hier deutlicher auf als zuvor. Trotzdem liefert Benjamin Cors einen Thriller ab, der mich über weite Strecken fesselt und stark unterhält.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust auf ein Kennenlernen der Gruppe 4 von Beginn an?
Dann empfehle ich euch:
Krähentage von Benjamin Cors