Im Dezember 2024 war Frevel von Nora Kain mein Lesehighlight des Monats geworden. Der historische Thriller hat mich absolut gefesselt und ich habe sehr gehofft, dass es einen weiteren Band mit dem ungleichen, aber sympathischen Ermittlerduo Manon und Johann geben wird. Mein Wunsch hat sich erfüllt und mit großer Spannung habe ich mich auf das Buch gefreut.
In meiner Rezension „Wahn“ von Nora Kain erzähle ich euch, was ihr von dem historischen Thriller erwarten könnt.
Leseexemplar
❧ Meine Meinung ist davon unbeeinflusst

© Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Veröffentlicht 16. April 2026
ca. 336 Seiten
Band 2 der Reihe Die Frankfurt-Morde
erhältlich als Paperback und EBook
Klappentext
Frankfurt 1801: Es ist die Zeit der Herbstmesse und alle Welt tummelt sich in Frankfurt am Main. Die Stadt gerät in Aufruhr, als ein französischer Soldat tot aufgefunden wird. Besonders erschütternd dabei: Dem Soldaten wurde das Hirn entfernt, und er trägt ein Stück Papier bei sich, auf dem die französischen Zeilen »Das Herz ist leer« stehen. Manon, Tochter des Arztes und Rechtsmediziners Theophil Pontus, der Zeitungsredakteur Johann begeben sich auf die Spuren der Tat, denn Theophil ist vollauf damit beschäftigt, eine Abhandlung zur forensischen Psychiatrie zu verfassen. Außerdem hat er gerade eine weitere Leiche auf dem Tisch – welcher der gesamte Schädel fehlt.
© Klappentext: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Wahn ist nach Frevel der zweite Band, in dem das ungleiche Ermittlerduo Manon und Johann versucht, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Da die Fälle jeweils in sich abgeschlossen sind, lässt sich Wahn problemlos ohne Vorkenntnisse lesen. Um jedoch die Charakterentwicklung intensiver zu erleben, empfehle ich, zuvor auch den ersten, sehr spannenden Band zu lesen.
Wahn wird von einem fiktiven Fachtext aus der „Psychologia Criminalis“ von Doktor Theophil Pontus eröffnet. Dieser ist nicht nur der Verfasser dieser Zeilen, sondern auch Manons Vater. Interessant finde ich, wie psychologische Erkrankungen zunehmend medizinisch betrachtet werden und nicht mehr allein in religiöser Hand verbleiben sollten. Gleichzeitig wird deutlich, welches Kernthema in diesem Thriller behandelt werden wird.
So nüchtern der Einstieg ist, so emotional wird es direkt im Anschluss. Gemeinsam mit dem jungen Johann und dessen Vater erlebe ich eine Bücherverbrennung in Frankfurt im Jahr 1785. Die Szene nimmt mich gefangen und Nora Kain schildert das Vorgehen dieser inszenierten Vernichtung so eindrucksvoll, dass ich absolut nachfühlen kann, wie sich die beiden Bücherfreunde bei diesem Anblick fühlen.
Mit dem Zeitsprung ins Jahr 1801 verschiebt sich die Atmosphäre ein weiteres Mal, obwohl die Handlungen in derselben Stadt bleiben. Sie ist nun erfüllt von lebendigem Treiben, politischer Zerrissenheit und einem tiefen Misstrauen gegenüber Büchern. Daher ist es faszinierend, einen Buchzensor kurzzeitig zu begleiten und den Gedanken über seinen Beruf sowie den Zweck der Bücherkommission zu lauschen, ehe ich auf die beiden Protagonisten treffe.
Der anschauliche Schreibstil von Nora Kain lässt Frankfurt vor meinem inneren Auge lebendig werden. Die personale Erzählperspektive ermöglicht einen packenden Wechsel zwischen den Figuren, sodass sich mit jedem Blickwinkel auch die Denk- und Sprechweise der jeweiligen Charaktere bis hin zu den kleinsten Nebenfiguren anpasst.
Während Johann oft emotional und mit großer Empathie handelt, wird Manon von wissenschaftlicher Präzision und analytischem Denken geleitet. Obwohl Manon deutlich weniger emotional als Johann ist, berührt mich ihre tiefe Sehnsucht, von ihrem Vater als Mensch wahrgenommen zu werden. Zwar ist sie ihm zutiefst dankbar, dass er ihr erlaubt, bei Obduktionen zu assistieren und Ermittlungen durchzuführen, doch erfährt sie von ihm kaum Wertschätzung. Dieser familiäre Konflikt fügt der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene hinzu.
Es ist mir zudem ein großes Vergnügen, interessanten Nebenfiguren aus dem ersten Band wieder zu begegnen. Gleichzeitig werden neue Charaktere eingeführt, die die Vielschichtigkeit des Thrillers verstärken.
Der historische Thriller ist komplex und mit mehreren Handlungsfäden angelegt. Die Struktur der einzelnen Stränge ist dabei sehr klar und das ermöglicht mir, über die ganze Lesezeit den Überblick zu behalten.
Die wissenschaftlichen Einschübe aus „Psychologia Criminalis“ gewähren einen faszinierenden Einblick in das historische Verständnis des „Wahnsinns“. Sie zeigen eindrücklich, wie der Wandel grundlegender Denkweisen in der Medizin langsam Einzug hält. Zu diesem medizinischen Umschwung passt auch die Paranoia der Obrigkeit vor Büchern, die den Geist der Menschen anregen und damit die bestehende Herrschaft gefährden könnten. Die Zensur der Werke vor ihrer Veröffentlichung wird deshalb als immens wichtig angesehen. Umso mehr schockiert es, dass ein scheinbar verbotenes Buch für eine Reihe ungeklärter Mordfälle sorgt.
Auch die politische Lage Frankfurts zu jener Zeit und die religiösen Spannungen zwischen Juden und Christen werden in dieser Geschichte aufgegriffen.
Alle diese kleinen Nebenstränge und Informationen verleihen dem Haupthandlungsstrang Tiefe und Authentizität.
Der Spannungsaufbau ist großartig. Nora Kain versteht es meisterhaft, Hinweise so in die Geschichte einzustreuen, dass eine Atmosphäre der ständig unterschwelligen Bedrohung aufgebaut wird. Die Gewissheit, dass etwas passieren wird, drängt mich zum Weiterlesen, während ich gespannt die Ermittlungen von Johann und Manon verfolge. Bei ihren Recherchen geraten sie in Gewissenskonflikte und stoßen an die Grenzen ihrer eigenen Prinzipien. Besonders beeindruckt mich hier ihre Entwicklung. Manon wächst an sich und ihren Entscheidungen, die nicht immer so klug sind, wie sie es gern glaubt. Diese Erkenntnis sorgt dafür, dass sie erwachsener wird und sich selbst hinterfragt. Zweifellos eine sehr schöne Entwicklung, die auch Johann zum Ende hin durchmacht. Endlich steht er für sich selbst ein und das ist herrlich mit anzusehen.
Das Mitfiebern bei der Ermittlung verleitet zum Mitraten und Spekulieren. Leider liege ich mit meinen Mutmaßungen oft daneben, sodass mich die Wendungen immer überraschend treffen.
Im Verlauf von Wahn wird noch eine weitere Perspektive eingeführt, die mit der Überschrift „Irgendwann“ markiert ist. Der Junge, der hier in der ich‑Form von seinem Schicksal erzählt, hat mich sofort berührt und gleichzeitig auf eine völlig falsche Fährte gesetzt. Erst sehr viel später wird klar, welche Bedeutung dieser Erzählfaden wirklich hat. Besonders hier, aber auch in vielen anderen Details wird deutlich, dass Nora Kain in Wahn nichts dem Zufall überlässt. Alle gestellten Fragen werden bis zum Schluss logisch und nachvollziehbar beantwortet.
Die historische Genauigkeit in Verbindung mit der psychologischen Tiefe und den packenden Wendungen machen Wahn zu einem spannungsvollen Leseerlebnis.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Ein vielschichtiger historischer Thriller, der ins politisch zerrissene Frankfurt um 1800 führt, mit seiner Buchzensur und den Anfängen eines neuen medizinischen Denkens in Bezug auf psychiatrische Krankheiten.
Lesen:
Wenn ihr historisch genau recherchierte Thriller mögt, die euch mit unvorhersehbaren Wendungen zum Miträtseln einladen, und ihr in die frühesten Anfänge der Kriminalpsychologie eintauchen möchtet, seid ihr hier richtig.
Weglegen:
Wenn ihr lieber schnelle und actionreiche Thriller lest, dann könnte euch Wahn mit seinem komplexen Plot und den düsteren Seiten der Epoche vielleicht nicht gefallen.
Mal ehrlich:
Meine Hoffnung hat sich erfüllt und mit Wahn ist ein zweiter Band erschienen, in dem das ungleiche Ermittlerduo Manon und Johann wieder auf die Suche nach der Wahrheit geht.
Während in Frevel ungeschönt von den blutigen Anfängen der Gerichtsmedizin als Kernthema berichtet wurde, verschiebt sich hier der Fokus auf eine faszinierende psychologische Ebene. Die Medizin in jenen Zeiten versucht die psychischen Erkrankungen auf medizinischen und nicht auf religiösem Gebiet zu betrachten. Dieser radikale Wechsel im Denken ist sehr interessant. Zudem verwebt Nora Kain geschickt die Angst der Obrigkeit vor aufrührerischen Büchern und legt so den Grundstein für eine neue Mordserie in Frankfurt des Jahres 1801.
Da die Ermittlungen von Johann und Manon in sich abgeschlossen sind, könnt ihr Wahn problemlos ohne Vorkenntnisse lesen, doch für das Beobachten der Weiterentwicklung der Charaktere ist der Vorgänger ein echtes Plus.
Wahn ist durch viele Handlungsfäden und Perspektivwechsel komplex aufgebaut. Dabei ermöglicht die klare Struktur, dass ich den Überblick behalte und das Gefühl habe, wirklich mit durch die Gassen Frankfurts eilen zu können.
Während ich gern Manon und Johann gemeinsam und auch mal getrennt ermitteln sehe, begeistern mich die wissenschaftlichen Überlegungen von Manons Vater, die er in seiner „Psychologia Criminalis“ festhält. Er ist für seine Zeit fortschrittlich, das zeigt sich auch darin, dass seine Tochter ihm bei seinen Obduktionen assistieren und sich in die Ermittlung einbringen darf. Manons messerscharfer und analytischer Verstand ist dabei von Vorteil, doch dafür fehlt ihr das Gespür für einen warmen Umgang mit Menschen. Besonders ihre vergebliche Sehnsucht nach der Anerkennung ihres Vaters lässt sie weiter reifen. Aber auch der empathische Johann macht eine interessante Entwicklung durch.
Der anschauliche und flotte Schreibstil lockt mich auf falsche Fährten und lädt mich zum Mitraten ein. Sehr gelungen finde ich die geheimnisvolle „Irgendwann“-Pespektive, die mich lange in eine andere Richtung denken lässt.
Die Mischung in Wahn aus medizinischer und ermittlungstechnischer Erzählung ist sehr gelungen und spiegelt die hervorragende Recherchearbeit der Autorin wider. Obwohl das Werk fiktional ist, machen die historischen Informationen und Hintergründe Wahn für mich zu einem realistischen Leseerlebnis.
Das Finale, das sämtliche meiner Fragen beantwortet, lässt mich zufrieden zurück und mit der erneuten Hoffnung auf einen weiteren Band mit Manon und Johann.
Fazit:
Wahn ist ein unglaublich vielschichtiger und klug angelegter historischer Thriller, der mich durch seine starke Atmosphäre und seine markanten Charaktere auf ganzer Linie zu überzeugen weiß und am Ende den dringenden Wunsch nach einer Fortsetzung weckt.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust auf den ersten packenden Fall von Manon und Johann?
Dann empfehle ich euch:
Frevel von Nora Kain
Schönen guten Morgen!
Das liest sich wirklich sehr gut! Ich hatte das Buch bei den Neuerscheinungen im April bei mir vorgestellt, aber nirgends entdeckt, dass es sich hier um einen 2. Teil handelt!! Für diese Info bin ich sehr dankbar! Normalerweise schaue ich immer sehr genau, denn oftmals wird das eben nicht erwähnt (auch nicht auf der Verlagsseite), und ich bin jemand, der sowas immer chronologisch lesen möchte.
Du hast mich definitiv sehr neugierig gemacht, da wird jetzt aber erstmal „Frevel“ auf die Wunschliste wandern 🙂
Liebste Grüße, Aleshanee
Liebe Aleshanee,
tatsächlich steht es nur bei Amazon im Titel, dass es sich um Band 2 handelt.
Und mit „Frevel“ machst du nichts falsch. Ich habe das Buch echt geliebt und mich sehr auf diesen Band gefreut. Daher bin ich sehr gespannt, wie dir der historische Thriller gefallen wird.
Liebe Grüße
Mo
Liebe Mo,
Buchverbrennung und dann auch noch ein Fall, in dem es um medizinische Einblicke in die Psychatrie geht. um ein Tollhaus hattest du mich wirklich sofort.
Ich mag historische Thriller sowieso, aber genau diese Verbindung aus Buchwelt, düsterer Atmosphäre und Wahnsinn klingt einfach nach einer richtig starken Mischung. Dass du die Stimmung im Tollhaus und dieses Beklemmende so hervorgehoben hast, hat mich beim Lesen deiner Rezension total neugierig gemacht – gerade solche Settings bleiben mir oft besonders im Kopf.
Ich mag sowas ja unglaublich gern, weil man beim Lesen sofort anfängt, mitzurätseln und jede Kleinigkeit zu hinterfragen. Und dass das Ganze trotz der ernsteren Themen nicht durchgehend schwer wirkt, sondern auch wieder humorvolle oder auflockernde Momente dabei sind, macht das Buch für mich fast noch reizvoller. Du hast mir Wahn auf jeden Fall sehr schmackhaft gemacht – das klingt absolut nach einem Buch, das ich auch mögen könnte.
Der Lesesommer steht ja vor der Türe.
Liebe Grüße, Katja
Liebe Katja,
ja, das Buch hat meiner Meinung nach wirklich eine tolle Mischung aus den verschiedenen Themen und hat diese auch richtig gut verknüpft. Es freut mich, wenn ich dich neugierig auf „Wahn“ machen konnte.
Und ja, der Sommer hat uns jetzt gut im Griff.
Liebe Grüße
Mo