Ich interessiere mich schon lange für Geschichte und für die Momente, in denen die Vergangenheit plötzlich greifbar wird. Als ich zum ersten Mal von der Schamanin von Bad Dürrenberg höre, bin ich sofort fasziniert. Die Terra X Einzeldoku Das Grab der Schamanin – ein Geheimnis aus der Steinzeit weckt meine Neugier. Als mir dann auf der Leipziger Buchmesse der Bildband ins Auge fällt, muss ich einfach zugreifen. Bereits beim ersten Durchblättern merke ich, wie tief das Werk in den damaligen Weltkontext eintaucht und welchen Blick es mir eröffnet. Daher muss dieser Bildband unbedingt bei mir einziehen.
In meiner Rezension „Die Schamanin“ zeige ich, warum mich dieser Bildband zum Sensationsfund völlig in seinen Bann zieht.
Leseexemplar
❧ Meine Meinung ist davon unbeeinflusst

© Umschlaggestaltung: Klaus Pockrandt (Halle [Saale])
Fotos: Juraj Lipták
Cover Illustration: Karol Schauer
erschienen bei Hirmer
Herausgeber: Harald Meller, Michael Schefzik, Anja Stadelbacher
Veröffentlicht 28. März 2026
ca. 208 Seiten
erhältlich als Taschenbuch
Klappentext
© Klappentext: Hirmer
Die Schamanin ist ein Begleitband zu einer Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale), die vom 27. März bis 1. November 2026 besichtigt werden kann. Wer so wie ich nicht mal eben dorthin reisen kann, bekommt mit diesem Buch einen intensiven Blick in die Zeit der Mittelsteinzeit, dem sogenannten Mesolithikum.
Das Inhaltsverzeichnis verrät direkt, wie umfangreich der spektakuläre Fund der Schamanin von Bad Dürrenberg in den Kontext der damaligen Zeit gesetzt wird. Es werden unter anderem das Leben, die Kunst, Gewalt und Konflikte sowie die Schamanin im speziellen genau beleuchtet. Gleichzeitig geht der Bildband der Frage nach, was Schamanismus in dieser Zeit bedeutet haben könnte.
Die Schamanin selbst zieht mich sofort in ihren Bann. Die Vorstellung, wie viel Wissen damals bereits existiert, wie Verletzungen versorgt und Krankheiten gelindert werden, beeindruckt mich. Auch welche Bedeutung die Spiritualität zu dieser Zeit hat, finde ich interessant. Natürlich bleibt vieles nur so weit deutbar, wie es die Funde zulassen, aber gerade diese Mischung aus Wissen und Rätselhaftigkeit macht das Ganze für mich sehr faszinierend.
Die drei Kinder im Grab der Schamanin lassen mich nicht los. Ich frage mich, warum ausgerechnet sie an ihrer Seite liegen, obwohl sie nicht eng verwandt sind. Die verschiedenen Theorien zur Reihenfolge der Bestattungen beschäftigen mich. Es bleibt ein großes Rätsel, aber eines, das mich eher neugierig macht als ratlos. Auch zeigt die Bestattung und die jahrhundertelange Pflege des Grabes, wie bedeutsam die Schamanin für die Menschen gewesen ist.
Das Grab selbst kann ich mir durch die Beschreibungen und mithilfe der detaillierten Bilder zu den Funden sehr gut vorstellen. Die Konstruktion mit den verwendeten Materialien, die Beigaben und die sorgfältige Anordnung zeigt deutlich, wie durchdacht und voller Bedeutung die letzte Ruhestätte gestaltet wurde. Die Rituale, die dahinterstehen, und die Art, wie sie heute rekonstruiert werden, finde ich unglaublich spannend. Besonders berührt mich die Idee des Animismus, der für den Glauben steht, dass alles in der Natur beseelt ist. Auch dieser Ansatz wird intensiv beleuchtet und in den Kontext zu den Funden eingebettet.
Die Kunst des Mesolithikums überrascht mich ebenfalls. Die Menschen arbeiten nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch. Der Schmuck mit seinen Mustern, die teils detailgetreuen Figuren und die verzierten Werkzeuge geben mir einen Eindruck, zu welchen handwerklichen Fähigkeiten sie im Stande waren. Auch hier wirkt alles durchdacht und voller Symbolik. An den Bildern dieser Fundstücke kann ich mich kaum sattsehen.
Alle Fotografien und Abbildungen sind durchweg eindrucksvoll und so erklärt, dass ich sie nicht nur anschaue, sondern wirklich verstehe, was ich sehe. Jede Aufnahme trägt etwas zum Gesamtbild bei und macht die Inhalte noch greifbarer.
Besonders unerwartet finde ich die Bedeutung der Schildkröten. Sie dienen nicht nur als Nahrung und als Werkzeug, sondern sie sind auch ein Ritualobjekt. Diese vielfältige Nutzung und die Gründe werden intensiv beleuchtet. Völlig fasziniert bin ich jedoch vom Amulett einer vollständigen Schildkröte aus dem Altai. Sie sieht so lebendig aus und ich frage mich, wer sie wohl mal bei sich getragen hat.
Das Leben im Mesolithikum erscheint mir durch dieses Buch viel komplexer, als ich es aus Schulbüchern kenne. Die Menschen reisen weite Strecken, sie sind handwerklich begabt, sie kennen Heilmethoden, sie organisieren sich in Gemeinschaften, die mehr sind als bloße Zweckverbände. Auch die Kapitel über Mobilität und Konflikte erweitern mein Bild. Ich finde es gut, dass hier mit dem Mythos aufgeräumt wird, die Steinzeit sei besonders gewalttätig gewesen. Gewalt existiert, aber nicht mehr als in anderen Zeiten. Es wird deutlich, dass Kontakte bewusst gepflegt werden und die Menschen sehr sozial gewesen sein müssen.
Der Schreibstil des Bildbandes ist abwechslungsreich, weil viele Autorinnen und Autoren beteiligt sind. Er bleibt verständlich, auch wenn gelegentlich Fachbegriffe auftauchen. Die Kapitel sind klar strukturiert, jeweils mit einem eigenen Fokus, und sie verbinden wissenschaftliche Präzision mit erzählerischen Momenten. Die Themen sind so aufbereitet, dass sie neugierig machen, ohne zu überfordern. Die Bilder, Karten und Rekonstruktionen unterstützen das Lesen und lassen mich immer wieder innehalten. Der Text ist inhaltlich anspruchsvoll, aber zugänglich und verständlich.
Ich lese dieses Werk nicht nebenbei, dazu ist es mit seinen vielen dichten Informationen zu umfangreich. Dank der kurzen Kapitel kann ich Die Schamanin in kleinen Etappen lesen und alles auf mich intensiv wirken lassen.
Für mich ist dieses Buch ein echtes Highlight. Es informiert mich, ohne dabei trocken zu sein. Zudem berührt mich das Leben und Sterben der Menschen im Mesolithikum. Und ich finde es großartig, dass hier erklärt wird, wie genau Archäologie arbeitet, ohne sich in Spekulationen zu verlieren.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Ein intensiver Blick in die Mittelsteinzeit, der zeigt, wie komplex, kreativ und spirituell die Menschen lebten. Ein Werk, das Funde erklärt, Zusammenhänge sichtbar macht und die Schamanin von Bad Dürrenberg in einen größeren Kontext stellt.
Lesen:
Wenn ihr fundierte Archäologie, eindrucksvolle Bilder und verständlich aufbereitete Forschung mögt, dann solltet ihr euch diesen Bildband unbedingt anschauen.
Weglegen:
Wenn ihr keine Sachbücher mögt, die Zeit und Aufmerksamkeit brauchen, dann empfehle ich euch die Ausstellung zu besuchen.
Mal ehrlich:
Als das Grab am 4. Mai 1934 zufällig entdeckt wird, wird es für die Ruhestätte eines bedeutenden Mannes gehalten. Erst moderne Untersuchungen zeigen, wie falsch dieses Bild war und wie sehr es von Vorstellungen geprägt wurde, die nichts mit der Realität der Mittelsteinzeit zu tun hatten. Tatsächlich wurde eine Frau beigesetzt, deren außergewöhnliche Grabausstattung bis heute Fragen aufwirft und deren Bedeutung weit über das hinausgeht, was damals für möglich gehalten wurde.
Genau hier setzt der Bildband an. Er beleuchtet nicht nur den spektakulären Fund und die Bedeutung des Schamanismus zu jener Zeit, sondern öffnet ein Fenster in eine Welt, die viel komplexer und vielfältiger war, als ich es erwartet hätte. Ich blättere hinein und tauche in eine 9000 Jahre alte Welt ein, in der Natur, Gemeinschaft und Rituale eng miteinander verbunden sind.
Was mich besonders fasziniert, ist die Art, wie mir diese Informationen nähergebracht werden. Die vielfältigen Funde werden bildlich gezeigt und so erklärt, dass ich sie wirklich verstehe. Die Autorinnen und Autoren achten darauf, anhand der Funde einen Kontext zu schaffen, ohne in Spekulationen abzudriften. Dazu greifen sie auf Erkenntnisse aus anderen Grabungen zurück, sodass ich eine Ahnung bekomme, wie komplex das Leben und Sterben in der Mittelsteinzeit gewesen ist.
Das Buch verbindet fundiertes Wissen mit einer besonderen Atmosphäre, weshalb mich die Fülle an Informationen sehr beeindruckt. Die Autorinnen und Autoren gehen im Rahmen archäologischer Möglichkeiten Fragen nach, die ich persönlich ebenfalls äußerst interessant finde. So wird beispielsweise versucht zu klären, wie die Schamanin und die drei Kinder im Gemeinschaftsgrab bestattet wurden und warum, obwohl sie nicht eng miteinander verwandt waren. Außerdem wird untersucht, welche Rolle Spiritualität im Leben und Alltag der Menschen spielte. Besonders faszinierend finde ich die Bedeutung, die Schildkröten damals hatten. Sie waren nicht nur Nahrungsquelle und besondere Werkzeuge für Rituale sowie den Alltag, sondern besaßen auch eine symbolische Kraft, was ein hervorragend erhaltenes Amulett aus einer vollständig konservierten Schildkröte eindrucksvoll belegt. Diese und weitere vielfältige Details machen diesen Bildband für mich ungemein spannend.
Die Fotografien, Grafiken und Statistiken sind eindrucksvoll. Jede Aufnahme und jede Rekonstruktion bringen mich den Menschen dieser Zeit näher. Ich lese das Buch nicht nebenbei, sondern in kleinen Etappen, weil es so viel zu entdecken gibt. Auch jetzt, nachdem ich das Buch Stück für Stück erkundet habe, merke ich, wie oft ich noch einmal zu einzelnen Seiten zurückkehre, weil mich dieses Werk wirklich beeindruckt.
Fazit:
Die Schamanin verbindet archäologische Erkenntnisse mit anschaulich erklärten Funden und viel Atmosphäre, sodass das Leben und Sterben in der Mittelsteinzeit lebendig und verständlich wird. Dieser Bildband ermöglicht einen faszinierenden Blick in die Vergangenheit, den ich euch nur wärmstens ans Herz legen kann.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust, euer Wissen über Meeresschildkröten zu erweitern?
Dann empfehle ich euch:
Nomaden der Ozeane – Das Geheimnis der Meeresschildkröten
von Frauke Bagusche
Hallo Mo,
was für eine unglaublich packende Rezension! Archäologie hat ja manchmal den Ruf, etwas trocken zu sein, aber nach deinen Worten möchte ich den Bildband am liebsten sofort selbst durchblättern. Besonders die Erwähnung der Schildkröten als Ritualobjekte haben mich direkt neugierig gemacht und wie sozial und tief verbunden diese Menschen damals schon agiert haben.
Vielen Dank für diesen tollen Buchtipp und den Einblick in eine ganz andere Welt.
Herzliche Grüße
Susi
Liebe Susi,
vielen Dank für deinen wertschätzenden Kommentar. Es freut mich, dass du auch Lust darauf hast, das Buch zu entdecken. Es lohnt sich. Versprochen 😉
Liebe Grüße
Mo