Auf der BuchBerlin wollte ich unbedingt am Stand von Tanja Nickel vorbei, weil ich ganz begeistert von ihren Büchern und ihrem Schreibstil bin. Vor Ort habe ich leider nicht das Werk bekommen, welches ich gerne haben wollte, doch dafür stellte mir die Autorin aber Turn: Das Ende ist der Anfang vor. Das innovative Konzept, eine Geschichte sowohl vom Anfang als auch vom Ende her lesen zu können, weckte sofort meine Neugierde.
In meiner Kurzrezension „Turn: Das Ende ist der Anfang“ von Tanja Nickel erfahrt ihr, ob die Umsetzung mich begeistern konnte.

© Covergestaltung: Coverhexe
erschienen bei epubli
Veröffentlicht 20. April 2024
Empfohlenes Lesealter Ab 18 Jahren
ca. 276 Seiten
erhältlich als Taschenbuch
Klappentext
© Klappentext: Tanja Nickel
Die optische Gestaltung von Turn: Das Ende ist der Anfang ist richtig gelungen. Das Buch lässt sich wenden, wodurch ich die Geschichte von zwei Seiten lesen kann. Demnach liegt es ganz bei mir, ob der Einstieg über „Der Anfang ist das Ende“ oder Das Ende ist der Anfang erfolgt.
Ich entscheide mich für „Der Anfang ist das Ende“. Der Handlungsstrang wirft mich direkt in Carolines Leben und den Sog, der sich rasch um sie herum entwickelt. Der Aufbau erfolgt chronologisch und wird im Verlauf immer düsterer sowie bedrohlicher.
Turn ist voller toxischer Dynamiken, die mit körperlichen Übergriffen und psychischer Manipulation einhergehen und explizit dargestellt werden. Trotzdem berührt mich die Geschichte wenig, da die Szenen eher melodramatisch als atmosphärisch dicht inszeniert sind. Insgesamt lässt sich der Schreibstil zwar flüssig lesen, doch mir fehlt die Raffinesse. Turn wirkt wie eine solide erzählte Aneinanderreihung von schlechten Entscheidungen und deren Konsequenzen. Besonders aus der Perspektive „Der Anfang ist das Ende“ zeigt sich die Entwicklung der Handlung als sehr vorhersehbar.
Es fehlt mir an einer überzeugenden Inszenierung, an überraschenden Wendungen und insgesamt holt mich die Geschichte nicht ab. Potenzielle erzählerische Chancen werden nicht genutzt, weshalb meine Hoffnung ganz auf der umgekehrten Leserichtung Das Ende ist der Anfang liegt, um mich doch noch begeistern zu können.
Rückwärts gelesen entsteht jedoch ein völlig anderer Eindruck. Caroline wirkt weniger wie ein Opfer, sondern eher wie eine tragische Figur. Was mich hier enttäuscht, ist, dass ich die Kapitel nun in umgekehrter Reihenfolge lese. Dadurch bleibt die geniale Grundidee der Wendbarkeit in der Umsetzung weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Kapitel sind strukturell nicht darauf ausgelegt, eine fließende Spannungskurve zu erzeugen. Dadurch wirkt der Text in dieser Leserichtung abgehackt und brüchig. Teilweise entstehen verwirrende und widersprüchliche Eindrücke, da die Kapitel in der Vorwärtsrichtung konsequent mit einer Eskalation oder einem Cliffhanger enden. Beim Rückwärtslesen fehlen folglich die Übergänge, sodass gezeigte Gefühle nicht mehr logisch zur vorherigen Situation passen und eine deutlich höhere Konzentration erfordern.
Zumindest das Stalking sorgt für eine konstante Grundspannung, während Carolines moralischer Konflikt einen fatalen Weg bereits vorzeichnet. Die beängstigende Atmosphäre entsteht vor allem durch Carolines Kontrollverlust. Psychologische Motive wie Schuld, Scham und Selbstverachtung treten deutlich hervor. Diese wechseln sich mit einer mal prickelnden, mal lähmenden Angst vor Entdeckung ab, was die Stimmung durchgängig bedrückend macht, aber dennoch nicht ausreicht, um mir eine Gänsehaut zu bescheren.
In beiden Richtungen kann ich zu keinem Charakter eine emotionale Bindung aufbauen. Eine Figur fungiert lediglich als zweckmäßiger Handlungstreiber, erscheint nur dann, wenn es gerade passt, und ist nicht sinnvoll in das Gesamtgefüge eingebettet. So muss ich sagen, dass Turn beginnend vom Anfang gelesen noch langatmiger als vom Ende aus anfühlt, doch in der umgekehrten Richtung ist es mir zu sprunghaft und nicht ausgefeilt genug.

© Foto: Monique Meier
Fazit:
Turn entpuppt sich für mich trotz der genialen Wendbarkeit in der Umsetzung zu einem Flop. Mir fehlen die packende Inszenierung, spannende Wendungen und eine Gänsehaut, die mir über den Rücken läuft.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust auf eine düstere, psychologisch anspruchsvolle Geschichte?
Dann empfehle ich euch:
Twisted Mind von Tanja Nickel