Der Zufall ist schuld, dass ich Miss Harkness und das Damengambit vor dem ersten Band Doktor Doyle jagt Jack the Ripper lese. Bei einer Vorstellung von Neuzugängen einer anderen Bloggerin konnte ich nicht widerstehen und habe angefragt, ob wir nicht gemeinsam Miss Harkness und das Damengambit lesen wollen. Im Vorfeld hatte ich nämlich herausgefunden, dass sich beide Bücher auch gut unabhängig voneinander lesen lassen.
In meiner Rezension „Miss Harkness und das Damengambit“ von Bradley Harper gehe ich darauf ein, ob ich wirklich ohne Vorkenntnisse ausgekommen bin und wie mir der viktorianische Krimi gefallen hat.

© Umschlaggestaltung: Miriam Steinhardt | Guter Punkt, München
erschienen beim Dryas Verlag
Veröffentlicht 28. April 2025
Originaltitel Queen’s Gambit
Übersetzt von Dorothee Schröder
ca. 300 Seiten
Band 2 der Reihe Ein viktorianischer Krimi mit Margret Harkness
erhältlich als Taschenbuch, Hörbuch und eBook
Klappentext
Der Nachfolgeroman von „Doktor Doyle jagt Jack the Ripper“ spielt in der historischen Atmosphäre des viktorianischen Großbritanniens, inmitten von Gaslaternen und Kutschen, Spionen und Ministern, und ist ein historischer Roman, wie er spannender nicht sein könnte… und tödlicher.
© Klappentext: Dryas Verlag
Der Prolog führt mich an jenen Tag nach Russland, als der Zar Alexander 1881 durch eine Bombe getötet wird. Dabei lerne ich den jungen Viktor kennen, der Teil dieser Verschwörung ist. Anschließend flieht er nach Deutschland und wird zu Hermann. Der Einstieg ist ein interessanter Auftakt in den viktorianischen Kriminalroman, denn schon im ersten Kapitel gibt es einen großen Zeitsprung. Gut gefällt mir, dass kapitelweise vermerkt ist, an welchem Schauplatz die kommenden Ereignisse stattfinden und an welchem Datum. Das erleichtert die Orientierung.
Als nächstes lerne ich Miss Harkness kennen. Während sie darauf hofft, bei der Königin vorstellig werden zu können, erfahre ich ein bisschen über ihren Hintergrund. Bezüge zum vorherigen Band sind marginal, sodass sich dieser Teil unabhängig von Doktor Doyle jagt Jack the Ripper lesen lässt. Wichtige Details zum Verständnis mancher Situationen, die ihren Ursprung in dem Fall vor neun Jahren hatten, werden ohne nennenswerte Spoiler erklärt.
Die Erzählstruktur in Miss Harkness und das Damengambit ist geprägt von Rückblenden, Perspektivwechsel und etlichen Szenensprüngen, die teilweise auch innerhalb der einzelnen Kapitel stattfinden. Zudem bedient sich Bradley Harper dem multiperspektivischen Erzählen. Persönlich an ihren Erlebnissen lässt mich Miss Harkness als Ich-Erzählerin teilhaben. Andere Geschehnisse und Perspektiven werden mithilfe des personalen Erzählers beleuchtet. Dadurch eröffnen sich mir mehrere Zugänge zum Handlungsrahmen, was ein umfassendes Bild erzeugt und mir ein größeres Wissen ermöglicht, als das der beteiligten Figuren.
Der Schreibstil ist recht steif, kühl und funktional. Zudem arbeitet Bradley Harper viel mit Gegensätzen, was eine geschärfte Erzählweise unterstreichen soll. Insgesamt passt der trockene Ton gepaart mit unterschwelliger Emotionalität gut zum viktorianischen Zeitalter und lässt dadurch eine authentische historische Atmosphäre entstehen. Das Wissen von Bradley Harper über jene Zeit ist deutlich spürbar und bietet mir eine überzeugend recherchierte Szenerie. Doch meine Hoffnung auf Spannung, kluge Ermittlungen und damit einhergehende überraschende Wendungen erfüllt sich nicht.
Mir wird Hermann als ein Mann mit kühler Entschlossenheit und dem Wunsch nach Vergeltung präsentiert. Doch sein Handeln ist teilweise von einer erschreckenden Naivität geprägt, die mich sprachlos macht. Viele seiner Entscheidungen empfinde ich nicht schlüssig und auch im Nachhinein bleiben sie unreflektiert.
Besonders enttäuscht bin ich von der Figur der Miss Harkness, die erschreckend blass in der Charakterausarbeitung bleibt. Sie soll eine intelligente Detektivin sein, benimmt sich jedoch eher wie ein verliebtes Schulmädchen und sinniert unentwegt über die Möglichkeit einer eignen Familie nach.
Auch Inspector James Ethington kann mich kaum mit seinen Fähigkeiten überzeugen. Besonders deutlich wird es in einer Szene, als sich Miss Harkness und er entschließen, sich eine anstehende Arbeit aufzuteilen. Schon da ist mir klar, dass das zu Problemen führen wird und siehe da, am Ende hat es Konsequenzen für den Inspector. Immerhin, das muss ich dem Autor zu Gute halten, behält er seine Erzählfäden im Blick und spinnt sie logisch sowie konsequent weiter.
Das ändert aber leider gar nichts daran, dass sich die Handlung absolut schleppend entwickelt. Viele Erkenntnisse der ermittelnden Charaktere scheinen dem Zufall geschuldet, echte Detektivarbeit findet kaum statt. Hauptsächlich wird beobachtet, abgewartet und gelegentlich kombiniert. Außer James, der tatsächlich seinen Ideen folgt und so manches überprüft, passiert vonseiten Miss Harkness nicht viel. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, James Tochter Elisabeth beizubringen, eine Detektivin zu werden. Das ist ganz amüsant zu begleiten, reicht jedoch einfach nicht aus, um einen packenden Kriminalroman zu erzählen. Ich finde auch, dass der Klappentext viel zu viel verrät und damit völlig falsche Erwartungen weckt.
Die Charakterentwicklung bleibt hinter meinen Erwartungen zurück, bis auf Elisabeth kann ich mich für niemanden erwärmen. Die Dialoge wirken teilweise zu glatt und konstruiert. Der ohnehin schon distanzierte Erzählton in Kombination mit den wenig mitreißenden Dialogen macht das Ganze noch sperriger und anstrengender als ohnehin schon. Bradley Harper scheint so viel wie möglich von seinem Wissen über diese Zeit einbringen zu wollen und merkt dabei nicht, wie er einen mit der Detailfülle erschlägt. Besonders die Szenen, wenn es um Waffen geht, finde ich ermüdend und nicht sonderlich interessant. Generell werden so viele für den Kriminalfall unwichtige Details eingebettet, dass ich mich immer öfter frage, weshalb sie unbedingt erzählt werden müssen. Im weiteren Verlauf der Geschichte habe ich eher das Gefühl, ein Sachbuch in Romanform statt eines guten Kriminalfalles zu lesen.
Bis zum Schluss frage ich mich, weshalb das Buch Miss Harkness und das Damengambit heißt. Der Titel suggeriert mir ein Spiel mit Strategie, ein „Damengambit“, welches gern beim Schach eingesetzt wird. Doch der Plot wirkt eher wie ein loses Aneinanderreihen von Szenen. Mir fehlt der Sog, der in einem Krimi unentbehrlich ist. Selbst die titelgebende Miss Harkness bleibt merkwürdig konturlos und eher symbolisch statt menschlich.
Das Ende ist vorhersehbar und lässt mich nur müde mit den Schultern zucken.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Ein historischer Kriminalroman im viktorianischen London mit ruhiger Erzählweise, wenig aktiver Ermittlungsarbeit und einem geringen Spannungsbogen.
Lesen:
Wenn ihr historische Romane mit einer authentischen Kulisse mögt und auf einen klassischen Spannungsbogen verzichten könnt, kann euch Miss Harkness und das Damengambit gefallen.
Weglegen:
Wenn ihr einen dynamischen Krimi mit klaren Ermittlungen und starken Gegenspieler-Duellen lesen möchtet, empfehle ich euch gern etwas anderes.
Mal ehrlich:
Miss Harkness und das Damengambit verspricht mir im Klappentext einen klassischen viktorianischen Kriminalroman mit politischen Untertönen, einem raffinierten Spiel zwischen einer klugen Detektivin und einem anarchistischen Spion sowie einer ansprechenden Atmosphäre.
Was ich bekomme ist ein erstaunlich spannungsarmes Leseerlebnis. Miss Harkness wirkt auf mich eher wie ein Abziehbild statt einer realistisch gestalteten historischen Persönlichkeit. Das vermeintliche „Damengambit“ entpuppt sich als Irreführung, denn statt eines strategischen und spannungsgeladenen Katz-und-Maus-Spieles bekomme ich viel nichts. Ich finde keine clevere Deduktion oder überraschende Wendungen. Statt Spannung oder psychologische Tiefe dominieren Monologe, flache Dialoge und passive Figuren das Geschehen.
Das viktorianische London ist wirklich sorgfältig recherchiert und glaubwürdig beschrieben sowie mit einem feinen Zeitgefühl ausgestattet. Leider bleibt dies auch das Beste an diesem Buch. Die Handlung selbst zieht sich wie ein Kaugummi. Es bleibt schrecklich ereignisarm und ist leider oft vorhersehbar. Die Dialoge wirken gestelzt, Konflikte bleiben oberflächlich und selbst dramatische Ereignisse verlaufen seltsam kraftlos. Bradley Harper bastelt auf biegen und brechen unglaublich viele historische Details ins Geschehen ein, die zwar alle nett sind, aber den eigentlichen Kriminalfall überhaupt nicht voranbringen. Besonders ermüdend sind für mich die ellenlangen Beschreibungen von Waffen.
Das ganze Figurenensemble bleibt für meinen Geschmack viel zu eindimensional, mich berührt von den Charakteren bis auf Ausnahme von Elisabeth niemand.
Mein ganz großer Kritikpunkt ist der effekthascherische Klappentext. Er verrät viel zu viel und schürt bei mir eine völlig falsche Erwartung.
Das Ende kommt von mir schmerzlich herbeigesehnt, wie erwartet. Vorhersehbar, chaotisch und wird dank des Zufalls in die richtige Richtung gelenkt.
Fazit:
Miss Harkness und das Damengambit ist ein Roman mit einem schönen historischen Setting, doch was darin erzählt wird, bleibt belang- und konturlos. Ich habe die Spannung sowie kluge Ermittlungsarbeit durch starke Figuren schmerzlich vermisst. Das Buch ist wie englisches Wetter: nebelig und kühl.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust auf einen authentischen viktorianischen Krimi mit einem anspruchsvollen Setting und packenden Plot Twists?
Dann empfehle ich:
Der Tote in der Crown Row: Ein Fall für Sir Gabriel Ward von Sally Smith
Hey,
ach schade, dass dich auch die Fortsetzung nicht packen konnte. Wenn sich ein Krimi wie zäher Kaugummi zieht und die clevere Ermittlungsarbeit fehlt, verliert man einfach den Spaß daran. Vor allem, wenn der Klappentext ganz andere Erwartungen schürt. Nach deinen beiden Beiträgen steht für mich fest: Ich lasse die Reihe erst mal aus und schaue mir stattdessen direkt deinen Lesetipp an. Ist zwar nicht Jack the Ripper, aber dafür geht es auch da ins viktorianische England.
Viele Grüße
Astrid
Liebe Astrid,
lass dich von meiner Rezension nicht verschrecken. Vielleicht kann dich die Reihe total begeistern :).
Liebe Grüße
Mo
Hi Mo!
Joa, das war dann wohl nicht so wirklich das richtige… und ich denke, ich lass es damit lieber sein. Die negativen Punkte, die du ansprichst, würden mich auch sehr stören und es gibt genug andere Bücher, die mein Interesse viel mehr wecken können 🙂
Ich wünsch dir noch ein schönes Wochenende!
Liebste Grüße, Aleshanee
Liebe Aleshanee,
das stimmt. Es gibt genug andere Lektüre, auch jene, die zu dieser Zeit spielen :).
Es ist ja immer auch eine subjektive Meinung, mir hat es leider nicht wirklich gefallen und ich war auch echt froh, dass ich es im Buddy-Read gelesen habe.
Komm gut durch die neue Woche.
Liebe Grüße
Mo