Nach Love, Mom, das mich mit seinen vielschichtigen Figuren, moralischen Grauzonen und einer dichten, emotionalen Spannung sofort in den Bann gezogen hat, war ich neugierig auf ein weiteres Werk von Iliana Xander. Die Autorin versteht es meisterhaft, Geheimnisse zu inszenieren, Perspektiven kunstvoll zu verweben und familiäre Abgründe atmosphärisch aufzuladen. Mit dieser Erwartung habe ich zu Der Boss gegriffen.
In meiner Rezension „Der Boss – Ist er ein Monster oder ein Genie?“ von Iliana Xander zeigt sich, ob diese Erwartung erfüllt wurde.
Leseexemplar
❧ Vielen Dank an Daniela Neuper für die Freigabe im Bloggerportal
❧ Meine Meinung ist davon unbeeinflusst

© Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
erschienen bei Heyne Verlag
Veröffentlicht 14. Januar 2026
Originaltitel All Eyes On Him
Übersetzt von Frank Dabrock
ca. 336 Seiten
erhältlich als Paperback, Hörbuch und EBook
Klappentext
Mit Farbschnitt in limitierter Erstauflage – Lieferung je nach Verfügbarkeit.
Natalie Olsen und ihre beste Freundin Cara feiern ausgelassen in einem Club. Dann verschwindet Cara mit einem gutaussehenden Mann. Am nächsten Morgen liegt sie im Koma. Die Polizei tappt im Dunkeln, aber Natalie ist entschlossen, den Mann zu finden, der ihrer Freundin das angetan hat. Als sie den Unbekannten auf dem Cover eines Magazins entdeckt, ist klar: Es handelt sich um den erfolgreichen Unternehmer Geoffrey Rosenberg. Natalie nimmt einen Job in der Villa des charismatischen Millionärs an. Aber kaum betritt sie sein Haus, beschleicht sie ein grauenvoller Verdacht. Sie wollte ihrem neuen Boss eine Falle stellen. Doch was, wenn sie längst in seiner sitzt? Dieser Thriller erschien in der englischsprachigen Ausgabe zunächst im Selfpublishing unter dem Titel »Man of the Year« und im Dezember 2025 bei Poisened Pen Press unter »All Eyes on Him« .
© Klappentext: Heyne Verlag
Die kurzen Kapitel in Der Boss ermöglichen mir einen flotten Lesefluss und transportieren gleichzeitig erstaunlich viele Informationen. Dadurch entstehen sofort Fragen, die mich während des Lesens begleiten. Besonders der Prolog ist bildgewaltig und spielt gekonnt mit meinen Emotionen. Ich begleite eine Frau in einer bedrohlichen Lage, sieben Jahre vor den heutigen Ereignissen, und frage mich unweigerlich, wie dieser Einstieg mit der Gegenwart verknüpft sein wird. Das weckt meine Neugier und meine Erwartungen.
Nach diesem starken Auftakt lerne ich die Ich-Erzählerin Natalie kennen. Erschüttert steht sie im Krankenhaus, während ihre beste Freundin im Koma liegt. Niemand weiß, was geschehen ist, und die Polizei scheint keine ernsthaften Ermittlungen anzustrengen. Für Natalie ist das der Moment, selbst aktiv zu werden und herauszufinden, wer ihre Freundin vergiftet hat.
Zu Beginn wirkt Natalie emotional und impulsiv. Obwohl sie eine klare Mission hat, ist ihr Vorgehen alles andere als durchdacht. Sie betont immer wieder, wie sehr ihre Gastro‑Erfahrung ihr helfe, Menschen einzuschätzen und angemessen mit ihnen umgehen kann. Verhält sich aber wie die Axt im Walde, um ein vermeintliches Geheimnis zu lüften. Subtilität ist nicht Natalies Ding.
Auch ihre Entscheidungen sind für mich nicht immer logisch nachvollziehbar. Statt eine sich bietende Chance zu nutzen, ignoriert sie diese. Diese Widersprüche ziehen sich durch die gesamte Handlung.
Der Hauptschauplatz ist die Villa des erfolgreichen Unternehmers Geoffrey Rosenberg. Ein hochgesichertes Anwesen mit Überwachungskameras und einem Personal, das sich seltsam ängstlich verhält. Anfangs erzeugt das eine interessante, leicht unheimliche Atmosphäre. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto künstlicher wirkt das Setting, als wäre es mehr eine Kulisse als ein echter Ort.
Die meisten Figuren in Der Boss wirken leider flach und bleiben ohne wirkliche Tiefe. Einzig Julien weckt mein Interesse halbwegs, denn die Frage, ob er Freund oder Feind ist, fasziniert mich. Doch auch dieses Rätsel vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass viele Handlungsstränge vorhersehbar bleiben. Die Enthüllungen werden derart deutlich vorbereitet, dass ich vieles schon im Voraus erahnen kann. Erst spät offenbart sich für mich, wie der Prolog ins große Ganze passt. Doch leider nicht so elegant, wie ich es mir erhofft habe.
Der Plot vereint all die Elemente, die einen fesselnden Thriller ausmachen: einen mitreißenden Prolog, einen geheimnisvollen Unternehmer mit seinem rätselhaften Anwesen, eine Freundin im Koma und eine Protagonistin, die entschlossen ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. All diese Zutaten sind zweifellos vorhanden, doch die Umsetzung enttäuscht mich. Denn Natalie erschwert es mir, wirklich mitzufiebern. Konstruiert wirkende Handlungsstränge und logische Brüche rauben der Geschichte ihre Spannung.
Das Finale gelingt nur mäßig spannend und wirkt darüber hinaus übertrieben, sodass es an Überzeugungskraft verliert. Zwar beantwortet der Epilog die letzten offenen Fragen, doch die gezeigte Entwicklung übertrifft für meinen Geschmack sogar die bereits unglaubwürdige Handlung. Sehr schade.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Eine Protagonistin, die polarisiert und als Top-Ermittlerin einen besseren Job machen möchte als die Polizei.
Lesen:
Wenn ihr leichte Thriller mögt und einfach eine lockere Unterhaltung sucht.
Weglegen:
Wenn ihr auf eine aufregende, deduktive Ermittlungsarbeit durch eine Laienperson hofft und komplexe Charaktere schätzt, könnte euch dieses Buch wahrscheinlich nicht fesseln.
Mal ehrlich:
Der Prolog von Der Boss hat mich sofort gefesselt. Er ist beklemmend, emotional und kraftvoll. Ich begleite eine Frau in einer bedrohlichen Situation und frage mich, wie dieser Einstieg später mit der Handlung zusammenhängen wird.
In der Gegenwart folgt die Geschichte vor allem der Ich-Erzählerin Natalie. Nach und nach kommen Perspektiven hinzu, sodass ich mehr erfahre als die Figuren selbst. Das könnte für Spannung sorgen, wenn es Natalie nicht auf jeder Seite aufs Neue gelingen würde, mich zur Weißglut zu bringen.
Ihre Motivation ist dabei durchaus nachvollziehbar. Die beste Freundin liegt im Koma, die Polizei kommt kaum voran, also macht sich Natalie selbst auf die Suche nach der Wahrheit. So weit, so gut.
Aber wie sie vorgeht, bringt mein Blut zuverlässig zum Kochen. Ihr impulsives Auftreten hat den Charme eines Elefanten im Porzellanladen. Sie nervt ihre Umwelt mit Fragen, die so subtil sind wie ein Megafon und wundert sich dann, dass sich alle verschließen. Und ständig betont sie, wie klug sie sei, weil sie früher gekellnert und als Barkeeperin gearbeitet hat. Das raubt mir endgültig den letzten Nerv.
Dabei hat die Story eigentlich eine schöne Dynamik. Kurze Kapitel, ein flotter Schreibstil, interessante Perspektivwechsel. Doch immer wieder stagniert die Handlung, es entstehen Logiklöcher und mir fehlt es eindeutig an Tiefe. Die Charaktere verhalten sich stellenweise so unglaubwürdig, dass ich nur noch den Kopf schütteln kann. Die meisten bleiben zudem erschreckend blass.
Das Finale ist halbwegs spannend, aber ziemlich hanebüchen. Auch der Epilog kann mich nicht überzeugen, aber immerhin werden alle Fragen geklärt.
Fazit:
Der Boss startet stark, verliert aber schnell an Biss. Ein atmosphärischer Prolog, eine spannende Grundidee und dann eine Protagonistin, die mit jedem Kapitel unsympathischer wird. Gute Ansätze sind da, aber Logiklöcher, blasse Figuren und ein Finale, das eher nach Action‑Parodie klingt, ziehen die Geschichte runter. Schade um das Potenzial.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust auf eine Ich-Erzählerin mit trockenem Humor, die unfreiwillig zu einer Ermittlerin wird?
Dann empfehle ich euch:
Die Schnüfflerin von Anne von Vaszary