Vor drei Jahren fassten mein Lieblingslesebuddy und ich den Entschluss, das neue Jahr stets mit einem zeitlosen Klassiker zu begrüßen. Für 2026 stand unser gemeinsamer Favorit bereits fest: Dr. Jekyll & Mr. Hyde.

In meiner Rezension „Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere Gruselgeschichten“ von Robert Louis Stevenson gebe eine Einschätzung, ob sich diese Klassikersammlung als Schmuckausgabe auszahlt.


Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere Gruselgeschichten von Robert Louis Stevenson
© Umschlaggestaltung: Coppenrath Verlag

Infos zum Buch
erschienen bei Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG
Originaltitel The Body Snatcher, Markheim,
The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde,
The Bottle Imp, The Suicide Club,
The Waif Woman

Übersetzt von Curt Thesing, Elisabeth Seidel,
Barbara Cramer-Nauhaus, Martin Engelmann

Illustriert von Stefanie Bartsch, Tessa Kock
ca. 272 Seiten
erhältlich als Hardcover
 

Klappentext

„Zu jener Zeit schlief das Gute in mir; das Böse, vom Ehrgeiz wachgehalten, lag auf dem Sprunge …“

Erleben Sie die düstere Seite des Robert Louis Stevenson in dieser opulenten Schmuckausgabe!

Dr. Henry Jekyll hat viel erreicht: Er ist ein erfolgreicher Arzt, angesehen in der Gesellschaft und mit guten Freunden beglückt – stets geleitet von Moral und Anstand. Doch was wäre ihm möglich, wenn er diese Bande der Zivilisation abstreifen könnte? Wenn es ihm gelänge, den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse zu beenden? Sein Freund Gabriel Utterson ahnt nichts von diesen Gedanken, wundert sich allerdings: Während seine alten Freunde den Arzt selber kaum noch zu Gesicht bekommen, scheint er regen Kontakt zu dem abstoßenden und zwielichtigen Edward Hyde zu haben. Der Verdacht, Dr. Jekyll schwebe in Gefahr, lässt Utterson nicht los. Also stellt er eigene Untersuchungen an und erkennt: Das Böse – einmal losgelassen – ist nicht mehr zu bändigen … Neben dem Gruselklassiker Der seltsame Fall Dr. Jekyll und Mr. Hyde enthält diese Sammlung fünf weitere schaurig-mysteriöse Geschichten des bekannten Autors: Der Leichenräuber, Markheim, Der Flaschenteufel, Der Selbstmörderklub und Die Versprengte.

Ein detailverliebtes Schmuckstück für Literaturliebhaber! 10 aufwendig gestaltete Extras und ein informatives Nachwort versetzen die Leserinnen und Leser in die Zeit des Literaten und lassen die Geschichten lebendig werden: eine Karte, Notizbuchseiten, Briefe und vieles mehr! Dazu ermöglichen Anmerkungen zum Text ein tieferes Eindringen in die Geschichten.

  • Einzigartige Schmuckausgabe der Gruselgeschichten Stevensons: mit Kaltfolie, Hochprägung und Leseband
  • Stimmungsvolle Illustration
  • 6 gruselig-spannende Geschichten
  • Zehn aufwendig gestaltete Extras ziehen die Leserschaft noch tiefer in die Geschichten

© Klappentext: Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG

Für mich ist diese Schmuckausgabe eine Mogelpackung. Der Titel verspricht Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere Gruselgeschichten, doch die berühmte Novelle nimmt überraschend wenig Raum ein. Stattdessen dominieren andere Erzählungen, die thematisch und atmosphärisch nicht immer stimmig zu Stevensons Klassiker passen.

Den Auftakt bilden „Der Leichenräuber“ und „Markheim“. Während ersterer dank seines historischen Hintergrunds noch eine gewisse Faszination für mich besitzt, verliert sich schon jetzt Stevenson in ausschweifenden und schwammig formulierten Passagen, die den Grusel eher verwässern als verstärken.
„Markheim“ hingegen empfand ich als ausgesprochen zäh. Die Dialoge wirken überladen, die Sprache schwurbelt um moralische Fragen, ohne je wirklich auf den Punkt zu kommen. Zwar lässt sich das Motiv des gespaltenen Geistes bereits erahnen, doch literarisch bleibt die Erzählung für mich schwer zugänglich.

Umso größer ist nun meine Sorge, dass auch Dr. Jekyll & Mr. Hyde unter dieser Trockenheit leiden könnte. Doch zum Glück werde ich positiv überrascht.
Die Novelle entfaltet eine beeindruckende Vielschichtigkeit. Verschiedene Perspektiven schaffen ein komplexes Bild von Dr. Jekylls Wirken und dessen Verhalten. Das Mysterium um Mr. Hyde wird raffiniert aufgebaut und es schwingt zwischen den Zeilen eine interessante Gesellschaftskritik mit. Besonders gelungen finde ich die düstere Londoner Atmosphäre, die Stevenson mit wenigen, präzisen Bildern heraufbeschwört. Einzig die räumliche Anordnung von Dr. Jekylls und Mr. Hydes Wohnsituation bleibt für mich unklar.

Ein echtes Highlight ist die Beilage „Dr. Jekyll & Mr. Hyde auf der Leinwand“. Die filmhistorischen Einblicke, etwa der Hinweis auf eine verschollene Verfilmung oder die Darstellung ohne Make-up und Trickeffekte, sind spannend und hervorragend aufbereitet. Diese Ergänzung wertet die Ausgabe deutlich auf.
Weniger überzeugend ist hingegen die Gestaltung. Die Illustrationen sind für sich genommen schön, aber sie fangen die Atmosphäre der Texte nicht so stimmig ein wie etwa die Bilder in den Schmuckausgaben zu Dracula oder Frankenstein. Auch die gelegentlich grüne Schrift erschwert mir das Lesen bei schwachem Licht. Bindung, Papier und Satz sind hingegen hochwertig.

Nach der Hauptnovelle folgen weitere Geschichten aus der Schaffenszeit von Robert Louis Stevenson.
„Der Flaschenteufel“ ist zwar unterhaltsam, aber thematisch weit entfernt von Dr. Jekyll & Mr. Hyde. Nicht alles wird hier umfassend beleuchtet und so bleibe ich mit einigen Fragen zurück.
„Der Selbstmörderklub“ wiederum leidet unter langatmigen Beschreibungen und zähen Dialogen, die mir die Freude am Lesen merklich nehmen. Die Plotidee finde ich genial, aber die Umsetzung spricht mich leider gar nicht an.
„Die Versprengte“ sorgt dafür, dass ich zumindest ein bisschen positiver gestimmt die Schmuckausgabe zuschlage. Die Geschichte ist leichtgängiger zu lesen und auch deutlich spannender gestaltet.

Insgesamt hinterlässt die Schmuckausgabe einen zwiespältigen Eindruck bei mir. Ich empfinde das Buch Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere Gruselgeschichten recht lieblos zusammengestellt. Auch das permanente giftige Grün passt nicht zum Inhalt. Ich habe immer Assoziationen zu Hulk, wenn ich die Schmuckausgabe sehe. Dabei ist Hulk ungefähr so weit von diesem Buch entfernt wie die Sonne zur Erde.


Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere Gruselgeschichten von Robert Louis Stevenson
© Foto: Monique Meier

Kurz gesagt:

Was dich erwartet:

Eine hochwertig verarbeitete Schmuckausgabe mit einer inhaltlich sehr uneinheitlichen Sammlung von Stevenson‑Erzählungen, die stilistisch stark variieren.

Lesen:

Wenn ihr schon mehrere Schmuckausgaben aus dem Coppenrath Verlag habt, dann sollte diese hier zumindest optisch nicht fehlen. Wenn ihr viktorianische Literatur und stilistischer Vielfalt liebt, wäre dies Sammlung ebenfalls eine Empfehlung.

Weglegen:

Wenn ihr ausschließlich Dr. Jekyll & Mr. Hyde lesen möchtet oder eine atmosphärisch durchgängig stimmige Gruselsammlung erwartet, solltet ihr die Finger von dem Buch lassen. Für den Preis ist es dann leider sehr enttäuschend.

Mal ehrlich:

Diese Schmuckausgabe zu Dr. Jekyll & Mr. Hyde hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Zwar ist die Verarbeitung hochwertig, doch inhaltlich wirkt die Zusammenstellung der Geschichten erstaunlich uneinheitlich. Statt des berühmten Klassikers begegnen mir zunächst Erzählungen, die sich in langatmigen Dialogen und ausschweifenden Beschreibungen verlieren. Besonders „Markheim“ und „Der Selbstmörderklub“ bremsen meinen Lesefluss und meine Lesefreude spürbar aus.
Umso stärker sticht die Hauptnovelle hervor, die vielschichtig erzählt, klug konstruiert und von einem interessanten viktorianischen Setting begleitet wird. Die filmhistorische Beilage ist zudem ein echtes Highlight und bietet spannende Einblicke in die Leinwandgeschichte des Stoffes. Weniger überzeugen mich hingegen die Illustrationen, die im Vergleich zu anderen Schmuckausgaben des Verlags deutlich an Atmosphäre einbüßen. Auch die grüne Akzentfarbe wirkt eher willkürlich als stimmig.
Insgesamt eine Ausgabe mit Licht und Schatten. Sicherlich interessant für Sammler und jene, die Robert Louis Stevensons Geschichten kennenlernen wollen. Wer jedoch so wie ich wegen Dr. Jekyll & Mr. Hyde zur Schmuckausgabe greift, wird wahrscheinlich eine herbe Enttäuschung erleben.

Fazit:

Eine an sich schön gestaltete, aber inhaltlich unausgewogene Ausgabe, die ihre Stärken vor allem in der Hauptnovelle Dr. Jekyll & Mr. Hyde und den dazugehörigen Beilagen hat. Für mich ist das insgesamt eher ein Flop.

*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*