Aufmerksam auf Ein unerwarteter Gast wurde ich erst bei einem besonderen Gewinnspiel auf Instagram. Regelmäßig stellt dort @berlinerbucheule Neuerscheinungen nur anhand des Klappentextes vor und fragt dabei die Community, welche Bücher sie ansprechend finden. Das Werk mit den meisten Stimmen wird dann Sieger und unter jenen, die für das Buch gestimmt haben, wird es einmal verlost. Ich hatte Glück und habe diesen Thriller gewonnen.
In meiner Rezension „Ein unerwarteter Gast“ von Heather Gudenkauf nehme ich euch mit in meine Gedanken zum Buch.

© Umschlaggestaltung: Hilden-Design, München
erschienen bei foliant Verlag
Veröffentlicht 15. September 2025
Originaltitel The Overnight Guest
Übersetzt von Tanja Ohlsen
368 Seiten
erhältlich als Paperback, Hörbuch und EBook
Klappentext
Heather Gudenkauf, New York Times-Bestsellerautorin, entfacht in diesem fesselnden Thriller einen meisterhaft konstruierten Pageturner voller dunkler Geheimnisse und eiskalter Spannung.
Sie dachte, sie wäre allein …
Krimiautorin Wylie Lark hat sich in ein abgelegenes Farmhaus zurückgezogen, um an ihrem neuen Buch zu arbeiten. Eingeschneit, mit einem knisternden Kaminfeuer und völliger Stille, scheint es der perfekte Rückzugsort – wäre da nicht die grausame Vergangenheit dieses Hauses. Vor Jahrzehnten wurden hier zwei Menschen kaltblütig ermordet, ein junges Mädchen verschwand spurlos.
Als der Schneesturm immer heftiger wird, ist Wylie von der Außenwelt abgeschnitten. Doch sie ist nicht allein. Draußen im Schnee entdeckt sie ein Kind – verstört, halb erfroren, wortlos. Sie bringt es ins Warme und versucht herauszufinden, wer es ist. Doch mit jeder Antwort, die sie findet, wächst die Gefahr. Denn Wylie muss erkennen: Das Farmhaus ist nicht so verlassen, wie sie dachte – und jemand ist bereit, alles zu tun, um die Wahrheit für immer zu begraben …
© Klappentext: foliant Verlag
Ein unerwarteter Gast startet herausfordernd. Es werden nicht nur drei Handlungsstränge getrennt durch Kapitel etabliert, sondern auch recht viele unterschiedliche Charaktere eingeführt. Hier den Überblick zu behalten fällt mir schwer, zumal es noch zusätzlich verschiedene Blickwinkel gibt.
Sehr auffällig ist zudem von Anfang an die Thematik einer schwierigen Eltern-Kind-Beziehung, welche sich durch alle Handlungsebenen zieht.
Das Muster bei den sich abwechselnden Handlungssträngen durchschaue ich zum Glück zügig, sodass ich immer besser in Ein unerwarteter Gast hineinfinde.
Es beginnt mit den Ereignissen vom 12. August 2000. Die Erzählung in diesem Handlungsstrang erfolgt nicht chronologisch und springt in den Ereignissen hin und her. Durch diese Art der Vorausschau und die Beleuchtung durch unterschiedliche Perspektiven entsteht viel Spannung.
Danach folgt der Gegenwartsstrang, wo nur Wylie Lark die Hauptfigur ist.
Abgerundet werden die drei Handlungsebenen durch eine Begleitung einer unbekannten Frau und ihrer Tochter. Dies wird auch optisch durch eine kursive Schrift hervorgehoben. Ich kann nicht einordnen, zu welcher Zeit dieser Strang spielt, sodass er mysteriös wirkt und am meisten zum Spekulieren einlädt.
Alle drei Zeitebenen mit ihren unterschiedlichsten Perspektiven machen Ein unerwarteter Gast sehr komplex und thematisch vielfältig.
Die Rückblende ins Jahr 2000 hat True Crime Charakter und beleuchtet die bis in die Gegenwart anhaltende, nicht vollständig aufgeklärte Tragödie der Doyle Familie. Die brutalen Morde stehen in einem erschreckenden Kontrast zur Jahreszeit. Es ist sommerlich und die drückende Hitze unterstreicht die von einer liebevollen Situation umkippende Atmosphäre in etwas Lebensbedrohliches.
Dieser Handlungsstrang liefert mir eine interessante Mischung aus Fakten und Verdachtsmomenten.
Die Gegenwart mit Wylie, einer Autorin für True Crime Bücher, hat eine kalte und sehr distanzierte Atmosphäre. Dies spiegelt sich auch in dem Schneesturm wider, der um das Haus fegt, indem Wylie ihr neustes Projekt auf einer einsamen Farm zu Ende bringen möchte. Hier entspannt sich Stück für Stück eine Bedrohung, die immer mehr zunimmt.
Wylie ist der einzige Hauptcharakter, den ich nicht leiden kann. Dabei kann ich nicht benennen, was genau mich an ihr stört. Ihre Handlungsebene finde ich insgesamt nicht so interessant wie die anderen beiden.
Die nicht eindeutig zuzuordnende Zeitebene nimmt mich emotional am meisten mit. Hier begleite ich ein kleines Mädchen und ihre Mutter, die Opfer häuslicher Gewalt sind. Diese beklemmende Atmosphäre kriecht nach und nach unter meine Haut und lässt mich nicht mehr los.
Durch diese multiperspektivische Erzählweise mit personalem Blick tauchen immer neue Fragen auf, welche sich ähnlich wie ein Puzzle nur langsam zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammensetzen.
Heather Gudenkauf spielt gekonnt mit Gegensätzen. Das Erzähltempo ist hoch und detailliert. Wie alles miteinander verbunden ist, ist eine Frage, die viel Raum für Spekulationen ermöglicht. Ich bin da fleißig dabei und liege dabei häufig richtig, sodass so manche Wendung nicht überraschend für mich kommt.
Doch der Plot Twist erwischt mich eiskalt. Besonders gefällt mir das ausgeklügelte Ende, auch wenn nicht alle meine Fragen zufriedenstellend aufgeklärt werden.
Eine kleine Kritik am Rande: Ich finde den Titel ungünstig gewählt. Im Original lautet er „The Overnight Guest“, also „Der Übernachtungsgast“. Dieser Titel ist wesentlich treffender als Ein unerwarteter Gast. Denn wer der ominöse Übernachtungsgast ist, wird im Kontext deutlich. Auch wenn das nun nach Haarspalterei klingt, ist diese Bezeichnung einfach viel präziser als der deutsche Titel.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Ein Psychothriller, der True Crime Charakter hat und diesen gekonnt mit einem Familiendrama zu einem dauerhaft unterschwelligen Gefühl der Bedrohung verbindet.
Lesen:
Wenn ihr vielschichtige Thriller mögt und mit einem großzügigen Figurenensemble klarkommt.
Weglegen:
Wenn ihr keinen anspruchsvollen Thriller und lieber rasante Action lesen möchtet.
Mal ehrlich:
Optisch ist das Buch total schön, aber es fordert zu Beginn meine volle Aufmerksamkeit. Drei voneinander unabhängige Erzählstränge, zahlreiche Figuren und sich dabei wechselnde Perspektiven machen den Einstieg anspruchsvoll. So bald ich mich jedoch mit dem Erzählmuster vertraut gemacht habe, entfaltet sich Ein unerwarteter Gast als vielschichtiger Thriller, der mich zunehmend fesselt.
Die Rückblende ins Jahr 2000 lässt die sommerlich-heiße Idylle in eine grausame Tragödie kippen. Die Brutalität der Morde erschüttern mich. Fakten und Vermutungen durch verschiedene Perspektiven beleuchtet heizen die Spannung an.
In der Gegenwart begleite ich zum Glück nur Wylie Lark, die sich auf einer abgelegenen Farm dem Beenden ihres aktuellen True Crime Buches widmet. Mir ist Wylie unsympathisch, doch ich kann nicht genau sagen, warum. Die Atmosphäre ist durchgängig frostig und wirkt sehr distanziert.
Der dritte Strang, dargestellt in kursiver Schrift, bleibt für mich zeitlich erst einmal nicht greifbar und berührt mich emotional am meisten. Eine namenlose Frau und ihre Tochter sind in einem gewaltvollen Umfeld gefangen. Diese bedrückende Stimmung schleicht sich langsam unter meine Haut und lässt mich nicht mehr los.
Thematisch zieht sich das schwierige Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern durch alle Handlungsebenen. Der personale Erzähler gewährt mir durch die vielen verschiedenen Perspektivwechsel zwar ein umfassenderes Bild, wirft aber mindestens genauso viele Fragen auf. Diese klären sich nur nach und nach.
Das Tempo mit einem sehr schönen bildlichen Schreibstil ist hoch. Ich spekuliere viel und liege damit oft richtig, was Wendungen vorhersehbar macht. Doch der finale Twist trifft mich unvorbereitet. Das Ende ist raffiniert konstruiert, lässt aber so einige Fragen unbeantwortet. Was ich ein bisschen schade finde, weil ich hier die Lösungen interessant gefunden hätte.
Fazit:
Ein unerwarteter Gast ist nichts für zwischendurch, sondern ein vielschichtiger Thriller, der verschiedene Perspektiven, Zeitebenen und emotionale Ausnahmezustände zu einer psychologischen Spannung zusammenbaut. Die düstere Atmosphäre und True-Crime-Elemente sorgen für ein intensives Leseerlebnis.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust auf einen ruhigen psychologischen Thriller, der mit Kontrasten spielt und aufzeigt, wie zerbrechlich die Wahrheit sein kann?
Dann empfehle ich euch:
Himmelerdenblau von Romy Hausmann