2024 habe ich den ersten Band Das Schweigen des Wassers gelesen und war beeindruckt von dem ruhigen, aber tiefgreifenden Kriminalroman, der zurzeit der Wende spielt. Nun muss Hauptkommissar Arno Groth wieder in einem neuen Fall ermitteln. Ich bin gespammt, was mich dieses Mal erwartet.
In meiner Rezension „Die Farbe des Schattens“ von Susanne Tägder teile ich meine Leseeindrücke mit euch und verrate, ob ihr Band 1 vorher gelesen haben müsst.
Leseexemplar
❧ Meine Meinung ist davon unbeeinflusst

© Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur gsk GmbH, Hamburg
erschienen bei Tropen
Veröffentlicht 13. September 2025
ca. 336 Seiten
Band 2 der Reihe Hauptkommissar Arno Groth
erhältlich als Paperback und EBook
Klappentext
Mecklenburg, 1992. Das neue Jahr hat gerade erst begonnen, da erreicht Hauptkommissar Arno Groth ein Notruf: Im Mönkebergviertel, einer Plattenbausiedlung, verschwindet der elfjährige Matti Beck auf dem kurzen Weg zum Einkaufen spurlos. Was als Suchaktion beginnt, weitet sich schnell aus und gerät für Hauptkommissar Groth zur größten Herausforderung seines bisherigen Berufslebens. Denn Mattis Verschwinden weckt grausame Erinnerungen an einen unaufgeklärten Mordfall aus derselben Gegend. Mit den Ermittlungen war damals Kollege Gerstacker betraut – doch der wurde wegen seiner Stasi-Vergangenheit mittlerweile aus dem Dienst entlassen. Jetzt wird er dringend gebraucht. Groth gründet die Einsatzgruppe »Nachtschatten«, muss aber schon bald erkennen, dass sich hinter den Fassaden des Mönkebergs weit mehr Geheimnisse verbergen, als er ahnt
© Klappentext: Tropen
Die Farbe des Schattens spielt wenige Wochen nach den Ereignissen von Das Schweigen des Wassers und kann völlig unabhängig davon gelesen werden. Es werden keine Details zum vorherigen Fall verraten, sondern es wird lediglich ein Blick auf wiederkehrende Figuren geworfen, um sie in dieser Handlung zu etablieren.
Die Farbe des Schattens spielt in den frühen Neunzigerjahren, kurz nach der Wende, als Hoffnung und Ernüchterung dicht beieinanderliegen. Susanne Tägder zeichnet ein trostloses und zugleich berührendes Bild einer Gesellschaft im Umbruch. Die Atmosphäre ist geprägt durch das diffuse Gefühl von Unsicherheit, der bröckelnde Ordnung und der aufkeimenden Hoffnungslosigkeit. Das Bild ist so präzise eingefangen, dass ich mich unmittelbar in diese Zeit zurückversetzt fühle.
In der fiktiven Stadt Wechtershagen verschwindet ein Junge mitten aus einem Wohngebiet. Kriminalhauptkommissar Arno Groth nimmt die Ermittlungen auf. Der Fall wirkt erschreckend real, nicht zuletzt, weil er auf wahren Begebenheiten beruht.
Der Schreibstil ist nüchtern, ruhig und klar. Die Dialoge wirken funktional, aber fangen die emotionalen Untertöne geschickt ein. Zugleich lebt die Erzählung von den präzisen Beobachtungen der Charaktere.
Der Fokus liegt klar auf Arno Groths Ermittlungen, doch gelegentlich darf ich durch den personalen Erzähler an der Seite weiterer Figuren sein.
Diese kontrollierten Perspektivwechsel erzeugen ein vielschichtiges Bild von Wechtershagen und den Menschen, die dort leben. Die Nebenfiguren bleiben bewusst im Schatten, ohne an Bedeutung zu verlieren, denn sie tragen die Handlung, ohne sie zu dominieren.
Arno Groth ist innerlich ein erschöpfter Mann, dessen kriminalistisches Gespür untrennbar mit seinen Erinnerungen und Verlusten verknüpft ist. Seine Ecken und Kanten machen ihn nahbar, seine Hartnäckigkeit treibt die Handlung voran. Obwohl ihm Steine in den Weg gelegt werden, bleibt er seinem Bauchgefühl treu. Er lässt mich an seinen Überlegungen und Plänen teilhaben. Das ermöglicht mir einen ungeschönten Blick in die Ermittlungsarbeit der frühen Neunzigerjahre.
Die Farbe des Schattens baut nicht auf spektakuläre Wendungen, Action und die explizite Darstellung von Gewalt, sondern auf eine leise und bedächtige Erzählweise. Beinah beiläufig erwähnte Details treffen mich hart. Das angedeutete Grauen kriecht unter meine Haut und lässt mich nicht mehr los. Die psychologische Genauigkeit, mit der Susanne Tägder Die Farbe des Schattens konstruiert, macht diese Geschichte auf allen Ebenen erschreckend authentisch.
Die Farbe des Schattens ist ein ruhiger Kriminalroman, der den Fragen nach Verantwortung, Schuld und dem trügerischen Gefühl von Sicherheit nachspürt. Die Auflösung präsentiert Susannne Tägder ohne Sensationslust. Beinahe sachlich wird der Täter enttarnt, was die Alltäglichkeit des Schreckens umso deutlicher hervorhebt und bei mir eine stille Beklemmung hinterlässt, die lange nachhallt.

© Foto: Monique Meier
Kurz gesagt:
Was dich erwartet:
Ein leiser erzählter Kriminalroman, der von psychologischer Genauigkeit, einer bedrückenden Atmosphäre und dem Spiel mit der moralischen Zwiespältigkeit lebt.
Lesen:
Wenn ihr Kriminalromane mit Tiefgang zu schätzen wisst, die Figuren in den gesellschaftlichen Kontext setzen und mit leisen, aber nachhaltigen Spannungskurven für eine bedrückende Erzählung sorgt.
Weglegen:
Wenn ihr Actionszenen und spektakuläre Ermittlungsarbeit sucht, solltet ihr euch einem anderen Buch zu wenden.
Mal ehrlich:
Susanne Tägder nimmt mich auch im zweiten Band wieder mit in eine Zeit der frühen Neunzigerjahre, die von Unsicherheit und einer stillen Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Sie nutzt diese besondere gesellschaftlich düstere Atmosphäre, um die Suche nach einem verschwundenen Jungen im fiktiven Wechtershagen zu einem eindringlichen Krimi zu verdichten.
Dabei ist der Schreibstil ruhig und klar. Getragen wird er von einer präzisen Beobachtungsgabe, ohne dabei in Effekthascherei abzudriften. Dafür entfaltet sich ein leises Grauen, das sich mehr aus Andeutungen als aus detailliert beschriebener Gewalt speist.
Im Zentrum steht der Kriminalhauptkommissar Arno Groth, dessen Hartnäckigkeit bei den Ermittlungen und seine innere Zerrissenheit ihn zu einer authentischen Figur machen.
Kleine und wohldosierte Perspektivwechsel eröffnen mir ein vielschichtiges Bild einer Gesellschaft, die zwischen Schuld, Angst und aufkeimender Ohnmacht taumelt. Und mitten in dem Alltäglichen lauert eine schattenhafte Bedrohung.
Der Fall basiert lose auf wahren Begebenheiten und das ist auch in jeder Zeile spürbar. Der Kriminalroman ist leise, aber atmosphärisch dicht erzählt und fasziniert mich mit der Fähigkeit, psychologische Präzision mit gesellschaftlicher Schärfe zu verbinden. Zudem lässt sich dieser Krimi völlig ohne Vorkenntnisse von Band 1 lesen, empfehlenswert ist es dennoch nicht. Denn wie auch in Band 1 ist die Auflösung bedacht, schon beinah sachlich. Und doch kriecht sie mir unter die Haut und lässt mich mit der stillen Beklemmung nicht mehr los.
Fazit:
Die Farbe des Schattens ist ein atmosphärisch dichter und psychologisch präziser Kriminalroman, der weniger auf spektakuläre Plot Twists als auf Wirkung setzt.
*Das Buch ist überall im Handel erhältlich*
Lesetipp:
Lust zu erfahren, wie Arno Groth nach Wechtershagen kam?
Dann empfehle ich euch:
Das Schweigen des Wassers von Susanne Tägder